Wie aus einem Feuer fünfe wurden

Wie aus einem Feuer fünfe wurden

150 150 Klaus Henning Glitza

Die “Vermehrung” der Brandereignisse/ Vom Begriffs-Wirrwarr in den Medien

 

Kurz vor Jahresende stellte sich in Berlin die Frage: Wie oft hat es eigentlich an der Gradestraße in Berlin-Britz gebrannt? Mal wurde in den Medien berichtet, dass eine Müll-Deponie in Flammen aufgegangen war, mal war von einer Müllhalde, einem BSR-Betriebshof,  ganz allgemein einem BSR-Hof oder auch einem „Müllbunker auf einem Recyclinghof“ die Rede.

Doch tatsächlich gebrannt hat es am 28. Dezember nur ein einziges Mal. Es gab aber unterschiedliche Bezeichnungen für ein und dasselbe Brandobjekt. Darunter falsche, irreführende und verwirrende.

 „Justav, kannst allet wieda ausladen, der Recyclinghof is abjebrannt. Ham Sie jrad im Radio jesacht.“ *. So oder so ähnlich könnte es kurz vor Jahresende eine Berlinerin zu ihrem Göttergatten gesagt haben. Dabei hätte “Justav” alles im Kofferraum lasen können. Denn der Recyclinghof  war noch nicht einmal angesengt.

Öffnung wie immer

Bei der Berliner Stadtreinigung dürfte es zahlreiche Anrufe gegeben haben. „Wann macht der Recyclinghof im Stadtteil Britz wieder auf“?  Doch statt rauchende Trümmer wegzuräumen, hatten die Mitarbeitenden der Annahmestelle die Tore aufgeschlossen wie an jedem anderen Tag. Aber wunderen sich vermutlich, dass deutlich weniger Besucher kamen.

Tatsächlich gebrannt hatte es aber in einem der etliche Meter  vom Recyclinghof entfernten  Müllbunker der  Mechanischem Abfallbehandlungsanlage  Der hat gleichfalls an der Gradestraße sseinen Standort. Aber das ist auch schon alles an Gemeinsamkeit.

Beileibe kein Einzelfall

Berlin ist beileibe kein Einzelfall. Auch bei Meldungen in anderen Regionen wird aus einem ausgewachsenen Recyclingunternehmen allzu oft ein Recyclinghof. Und umgekehrt. Oder Betriebsstätten von Entsorgern tauchen als Deponien in den Schlagzeilen auf.  Fast eine Faustregel scheint zu sein: Weiß man nicht genau, was da gebrannt hat, nennt man es einfach Deponie.

In unmittelbarer Nachbarschaft zur Mechanischen Abfallbehandlungsanlage: der hochmoderne BSR-Recyclinghof an der Gradestraße in Berlin. Luftaufnahme: BSR

Und nicht nur der Fachmann wundert sich, wenn laut Medien gleich „zwei Werkshallen eines Recyclinghofes“ in Flammen aufgehen. Donnerwetter, muss das ein Recyclinghof sein…  Selbst sonst so gewissenhaft recherchierende  Nachrichtenagenturen und Medien transportieren solche begrifflichen „Fehlwürfe“ in alle Welt. Geradezu harmlos ist es da, wenn aus einem Metallrecycler ein Schrotthändler wird und aus seiner Betriebsstätte ein Schrottplatz.

Nichts für die breite Masse?

Nun soll man ja nicht franziskanischer sein als Franziskus höchstpersönlich. Bevor man zur großen Schelte ansetzt, sollte man sich vor Augen führen, dass Beiträge in Publikumsmedien  keine Fachartikel sind. Alles beim rechten Wort genannt, doch für die breite Lesermasse unverständlich, das will am Ende doch auch niemand. Manch korrekter Terminus passt schlecht  in knallige Überschriften; Besonders aus ganz großen und plakativen Lettern GeBILDeten.

Journalisten wandeln  in ihrem zeitgetriebenen Beruf auf einem schmalen Grat zwischen korrekter Begrifflichkeit und Verständlichkeit. Es ist wie bei einer Pille: sie soll maximal wirken, aber gleichzeitig auch bequem einzunehmen und verträglich sein. Und ihr Produktname  darf kein Zungenbrecher sein.

Zu sperrig, zu viel Erklärungsbedarf?

Ein  Tageszeitungsredakteur plaudert aus dem Nähkästchen:  Mechanische Abfallbehandlungsanlage- schön und gut, sagt er sinngemäß.  Aber zu sperrig und man  müsste zu viel erklären. Die Leser wollen das doch aber gar nicht wissen, das interessiert sie doch nicht die Bohne. Doch Recyclinghof, das kennt man, Das versteht man auf Anhieb –  da fahren die meisten selbst hin.

Medien sind doch irgendwie ein Spiegelbild  der Gesellschaft. Einer Gesellschaft, die sich größtenteils wenig um die Entsorgungswirtschaft schert. Hauptsache alles funktioniert- und die Tonnen werden geleert. Den Rest sollen die Fachleute doch bitte schön  unter sich ausmachen.

Nachsicht üben

Das ist nun einmal so, ob es einem gefällt oder nicht. Deshalb  zu guter Letzt ein Tipp: Liebe   Entsorger und Recycler, haben Sie  Nachsicht mit den Medien. Schimpfen Sie nicht mit der schreibenden und sendenden Zunft, erklären Sie lieber in verbindlichem Ton, wie künftige Berichte besser und zutreffender geraten könnten.  Laden Sie die Journalisten ruhig einmal ein, damit sie sich selbst ein Bild machen können.

Denn auch der beste Journalist kann nicht alles wissen.  Oder flachsig ausgedrückt: Auch die Presse ist nur ein Mensch.

* Ur-Berliner mögen eventuelle Lücken im nachempfundenen Berlinerisch nachsehen.

Oberstes Bild:

Symbolfoto: 110stefan / pixelio.de

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