Wenn ein leibhaftiger Landrat auf dem hinteren Trittbrett steht

Wenn ein leibhaftiger Landrat auf dem hinteren Trittbrett steht

525 334 Klaus Henning Glitza

Im fränkischen Kreis Miltenberg machte sich Jens Marco Scherf Bild vom Alltag der Müllwerker

 

Ist das nicht unser Landrat? Das fragten sich zahlreiche Einwohner des Landkreises Miltenberg (Unterfranken) am vergangenen Dienstag. Der Mann, den Sie auf dem hinteren Trittbrett  eines Abfallsammelfahrzeuges erspähten, war in der Tat der Verwaltungschef ihres Landkreises.

Hatte der Bündnisgrüne und gelernte Lehrer einen neuen Job? Mitnichten!. Jens Marco Scherf hatte volle sieben Stunden lang den obligatorischen Anzug mit der Arbeitskleidung der Abfallentsorger getauscht, um sich einen Eindruck vom Beruf der Müllwerker zu verschaffen, wie er selbst sagt. Körperliche Schwerstarbeit sei das, erfuhr Scherf dabei am eigenen Leibe.  Der Einsatz fand nicht etwa während der Dienstzeit statt. Der Landrat hatte einen Urlaubstag geopfert, wie  Susanne Seidel von der Pressestelle des Landkreises mitteilt.

Anlass des ungewöhnlichen Arbeitseinsatzes bei der Sammlung der PPK-Abfälle aus den blauen Tonnen waren ausgefallene oder verspätete  Touren  bei der Entsorgung.  Das hatte in der Bevölkerung für Irritationen und Verärgerung  geführt. Einer der Gründe, für die Unregelmäßigkeiten ist nach Angaben des zuständigen Dienstleisters REMONDIS der außerordentlich hoher,  teilweise coronabedingten Krankenstand. Zum anderen müssten Mitarbeiter Betreuungen von Kindern aufgrund geschlossener Kindergärten leisten und auch die Urlaubs- und Ferienzeit führe zu personellen Engpässen.

Bei der Mitfahrt konnte sich Scherf persönlich davon überzeugen, welches enormes die verbliebenen Mitarbeiter bewältigen müssen,  Sie „reißen sich ein Bein aus“, so Scherf. Er zollte allen Müllwerkern seinen tiefen Respekt.

Der Landrat berichtete, er habe den Eindruck, dass die Stimmung in der Bevölkerung angesichts verzögerter oder ausgefallener Abfuhren in den letzten Tagen ins Positive gekippt sei. „Die Leute sind sehr freundlich und haben Verständnis für die Situation“, so Scherfs Einschätzung, die von dem ihm begleitenden Müllwerker Dirk Nagel (Remondis) geteilt wurde. Die Leute honorierten, was die Remondis-Mitarbeiter bei hohen Temperaturen, in Doppelschichten und sogar an Samstagen leisten würden.

Leider werde ihnen die Arbeit teilweise unnötig erschwert, bedauert der Landrat. Er berichtet von Federkissen, gelben Säcken und Restmüll in der Papiertonne. Eine Tonne sei sogar komplett mit Styropor gefüllt und oben mit Papier bedeckt worden. Die Beistände seien mitunter auf große Haufen geworfen worden, anstatt sie kompakt zu bündeln, was für die Arbeiter mit hohem Mehraufwand verbunden ist. Deshalb appelliert Scherf an alle Bürgerinnen und Bürger, bitte nur Papier und Kartonagen zu entsorgen und Beistände zu bündeln.

Bei den Biotonnen und den Restmülltonnen liege man mittlerweile im normalen Rhythmus, ergänzt Dirk Nagel (Remondis), der auf der Tour ebenfalls mitarbeitete. Die blauen Papiertonnen und die gelben Säcke würden nach und nach abgeholt – genauere Informationen zur Vorgehensweise in den einzelnen Orten sollen in Kürze veröffentlicht werden. Die Situation bei Remondis werde sich hoffentlich im September entspannen, glaubt Dirk Nagel. Bis dahin, denkt er, seien wohl die meisten Infektionen abgeklungen und die Urlaubszeit gehe zu Ende.

LK Miltenberg/EM

Oberes Bild: Orange statt Zwirn; Körperliche Schwerstarbeit leistete Landrat Jens Marco Scherf, als er am Dienstag einen ganzen Tag lang auf einem Müllauto mitfuhr und Papiertonnen leerte. Foto: Winfried Zang / Landratsamt Miltenberg 

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