Wenn der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben wird

Wenn der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben wird

Wenn der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben wird 150 150 Klaus Henning Glitza

Der “Bremer Weg”: Um  „dreckigen Kohlestrom zu verdrängen“, wird CO2 in ;engen in die Luft geblasen

 

In Bremen wird der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben. Um „dreckigen Kohlestrom zu verdrängen“, wie es der bremische Umweltstaatsrat Ronny Meyer (Grüne)  formulierte, werden künftig jährlich zirka 1.000 Diesel-Lkw rund 130 Kilometer über die Bundesautobahn 1 düsen und dabei rund 235 Tonnen Kohlenstoffdioxid (CO2) in die Luft und die Atmosphäre blasen, wie Sönke Hofmann vom NABU errechnete.  Immerhin geht es um rund 25.000 Tonnen an Abfällen aus den braunen Biotonnen, die jährlich bewegt werden müssen.  „Bremer Biomüll-Posse“, so nannte das NDR-Satiremagazin „Extra 3“ den fast schon absurd erscheinenden Vorgang.

Wie kam es zu dem Vorgang, der an einen Schildbürgerstreich erinnert, und dem Extra 3 in seiner Rubrik „Der reale Wahnsinn“ einen Beitrag widmete? Es begann ganz harmlos mit einer Neuausschreibung für die Abfuhr des Biomülls, also beispielsweise Speisereste und Lebensmittelabfälle. Die in der Weserstadt ansässige Firma Nehlsen GmbH & Co. KG Nehlsen war seit 20 Jahren für diese Leistung zuständig. Die Öko-Abfälle aus den braunen Tonnen wurden in einer Kompostierungsanlage in „Bremer Erde“ verwandelt.

Doch das war der bremischen Umweltbehörde offenbar nicht ökologisch genug. Die Beamten des Stadtstaates wollten eine energetische Verwertung der Bioabfälle, sprich eine Verstromung in einer Vergärungsanlage. Diesen Punkt packten sie als Bedingung in den Ausschreibungstext- wohl wissend, dass das bremische Unternehmen Nehlsen gar keine Biogasanlage unterhält. Kritiker mutmaßen, dass die Ausschreibung aus dem Bremer Rathaus eventuell den Hintergrund hatte, Nehlsen aus dem Biomüll-Geschäft herauszuhalten. Doch das ist Spekulation.

Faktum ist, Nehlsen unterlag im Wettstreit der Bieter. Der Branchenriese REMONDIS jagte  dem ortsansässigen Dienstleister den Auftrag ab. Zum einen bot der Konzern aus dem westfälischen Lünen kostengünstiger an, zum anderen punktete er mit der Option, die Bioanfälle zu verstromen. Letzteres hielt die Umweltbehörde des Stadtstaates für ökologisch sinnvoller. Eine Entscheidung auf lange Sicht. Der REMONDIS-Verwertungsvertrag für den Biomüll läuft bis zum Sommer 2036.

Weshalb REMONDIS eventuell günstiger anbieten kann, machte der „Weser-Kurier“ deutlich. „Dem Vernehmen nach“ erhöhe 1.die Fracht aus Bremen „die Wirtschaftlichkeit einer bisher nur schwach ausgelasteten Bioabfall-Verwertungsanlage in der Ortschaft Bohmte“ und 2. könne der Konzern für die „Verstromung des Bioabfalls eine recht hohe Einspeisevergütung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz“ vereinnahmen.

Doch auch Remondis hat keine Vergärungsanlage in Bremen oder auch nur in der Nähe von Bremen. Die Bioabfälle werden nach dem Einsammeln auf eine Fernreise gehen, nämlich zu einer Vergärungsanlage in Bohmte-Hunteberg, nahe Osnabrück. Das ist rund 130 Kilometer von der Wesermetropole entfernt. „Mülltourismus“, nennen Kritiker diese „absurde Verfahren“ (Extra 3). „Ökologisch und ökonomisch unvernünftig“, sagt Heiko Strohmann von der CDU-Bürgerschaftsfraktion.

Aber es kommt noch schlimmer: Da REMONDIS keine Müllfahrzeuge auf die lange Reise nach Bohmte schicken kann, denn die hätten zu wenig Fassungsvermögen und wären nicht schnell genug, werden so genannte Muldenkipper auf die Tour geschickt. Um diesen Transfer zu ermöglichen, bedarf es aber einer Müllumladeeinrichtung. Und genau ein solcher Umschlagsplatz soll jetzt den Bremer Bürgern vor die Nase gesetzt werden.

Nachdem REMONDIS von einem Standort in Woltmershausen wegen wütender Proteste der Anwohner Abstand genommen hatte, wurde jetzt ein Grundstück im Industriehafen ausgeguckt. Industriehafen- das klingt harmlos, ist es aber aus Sicht der Einwohner des benachbarten Oslebshausen absolut nicht.  Der geplante Standort ist knapp 400 Meter von der Wohnbebauung des Ortsteiles von Bremen-Gröpelingen entfernt. Und das in einer Gegend, die auch in anderer Hinsicht mit herben Nachteilen zu kämpfen hat. „Mit den Stahlwerken, dem Hafenkraftwerk, der bereits beschlossenen Müllverbrennungsanlage für Klärschlämme und dem massiven Verkehrsaufkommen aus Hafen, Hafenrandstrasse, Autobahn und Güterverkehr haben Gröpelingen und im besonderen Oslebshausen bereits mehr als genug Umweltbelastung“, heißt es in einer Petition der Anwohner. Zudem sind die betroffenen Anwohner gebrannte Kinder: Lange, 30 Jahre lang, befand sich eine Mülldeponie in dem Ortsteil. Viele ältere Bürger erinnern sich noch lebhaft an den höchst unappetitlichen Geruch.

Den Einwohnern von Orlebshausen schwant Böses. Die Politik habe den Ortsteil „als Kloake definiert“, zitierte der „Weser-Kurier“  jüngst einen empörten Bürger. „Die Angst um finanzielle Einbußen aufgrund sinkender Grundstückswerte ist nur die Spitze des Eisberges, viel wichtiger sei allen voran die Gesundheit. Die Anwohner und Unternehmer fürchten Gestank, Fliegenschwärme, Ungeziefer und gefährliche Sporen“, gibt die in Bremen erscheinende Zeitung die derzeitige Stimmung in Orlebshausen wieder.

Doch über die Köpfe der Bürger hinweg wurde im bremischen Rathaus längst der neue Standort im Industriehafen beschlossen. Auch das Veto des Ortsbeirates von Gröpelingen scheint dort niemanden zu interessieren. Von den 1.210 Unterschriften, die inzwischen gesammelt wurden, gar nicht zu reden. Offenbar wollen weder REMONDIS noch die Umweltbehörde eine erneute Niederlage  wie in Woltmershausen hinnehmen. Der Antrag auf Errichtung des Müllumschlagsplatzes sei so gut wie genehmigt, ist aus dem Bremer Rathaus zu hören. Die finale Unterschrift sei nur noch eine Frage der Zeit. Rechtlich sei gegen einen entsprechenden Beschluss nichts mehr zu machen. Das alles erfuhren die Bürger aus Orlebshausen aus der örtlichen Zeitung und aus dem „Flurfunk“ „Gesprochen hat vorher niemand von uns“, so ein Anwohner zu EM.

Umweltstaatsrat Ronny Meyer redet derweil die Biomüll-Posse schön. Aus dem Bremer Biomüll werde klimafreundlicher Strom, „mit dem über 1.000 Haushalte versorgt und rund 2.000 Tonnen CO2 eingespart werden”, ließ er verlauten. Dass im Gegenzug Lkw nach Bohmte fahren müssen (und leer wieder nach Bremen zurückkehren), findet der aus Industrie und Branchenverbänden stammende Grüne aber auch nicht so richtig gut. „Wir sind unglücklich über die ökologischen Auswirkungen, hätten aber nicht anders handeln dürfen“, erklärte der politische Beamte mit dem Vollbart. Der „konkurrenzlos günstige Preis“ war letztlich ausschlaggebend – und wog schlicht und einfach schwerer als andere (grüne) Argumente.

Derlei Probleme hatte es bisher nicht gegeben.  Der unterlegene Dienstleister Nelsen hatte sich bekanntermaßen für einen anderen Weg der Wiederverwertung entschieden. Der Abfall aus den Biotonnen wurde auf einem Standort am Fahrwiesendamm im ländlichen Stadtteil Blockland.  Drumherum viel freie Natur und kaum Anwohner weit und breit. Beschwerden sind nicht bekannt geworden.

REMONDIS-Pressesprecher Michael J. Schneider kann laut bremischen Medien die Aufregung nicht nachvollziehen. Zwecks Umschlags werde eine Halle errichtet, so dass eine Geruchsbelästigung nicht auftreten werde.  Er trat ebenso der Behauptung entgegen, dass ein Zwischenlager etabliert werden solle. Vielmehr werde der Biomüll von Müllfahrzeugen auf Transport-Lkw umgeladen, eine Lagerung des Mülls finde nicht statt.

Gegenüber EM erklärte der Pressesprecher: „Insofern können wir sagen, dass die Umladestation im Hafengebiet sowohl genehmigungsrechtlich als auch im Hinblick auf einen möglichst belastungsfreien Umschlag des Bioabfalls der aus unserer Sicht am besten geeignete Standort ist. Der Umschlag wird dort in einer geschlossenen Halle stattfinden, die sich in einem Abstand von ca. 1 Kilometer von der nächsten Wohnbebauung befindet. Insofern ist eine zusätzliche Geruchs- oder Verkehrsbelastung auszuschließen.“

„Abgesehen davon war es die Bremer Politik, die ausdrücklich eine Modernisierung der Bioabfallverwertung im Sinne einer energetischen Verwertung als Beitrag zur regenerativen Energieerzeugung angestrebt hat.“, so Michael J. Schneider weiter.  REMONDIS baue derzeit die dafür geeignete Anlage in Bohmte bei Osnabrück. In der energetischen und CO2 Gesamtbilanz sei der Transportweg von Bremen nach Bohmte bereits eingerechnet und deutlich positiv gegenüber einer simplen Kompostierung vor Ort. „Gerade aus diesem Grund, ist ein Umschlag des Bioabfalls von kleineren, für die Abholung in der Innenstadt geeigneten Fahrzeugen auf große Muldenkipper für den Transport in die Vergärungs- und Verstromungsanlage notwendig“, betont der REMONDIS-Sprecher.

khg

Hinterlasse eine Antwort