Weg von alten Modellen – Chancen für die Umwelt konsequent umsetzen

Weg von alten Modellen – Chancen für die Umwelt konsequent umsetzen

150 150 Klaus Henning Glitza

Reinhard Schneider, Vorsitzender der Geschäftsführung  und Inhaber von Werner & Mertz im EM-Interview

 

Viele Bürger trennen emsig den Müll, doch dann landen die Wertstoffe aus den Gelben Säcken und Tonnen einfach in den Müllverbrennungsanlagen. Das muss nicht sein, sagt Reinhard Schneider, Vorsitzender der Geschäftsführung der Werner & Mertz GmbH. Foto: Werner & Mertz/ Herbert Piel

Die Werner & Mertz GmbH, den meisten Verbrauchern besser durch ihre Markennamen Erdal, Frosch und Emsal bekannt, hat zusammen mit Partnern die Recyclat-Initiative gegründet. Ziel dieser Initiative ist es nach Eigenangaben, mit innovativen Lösungen „nachhaltige Materialkreisläufe zu entwickeln und dafür den Wertstoff aus der Quelle ‘Gelber Sack` zu nutzen. Werner & Mertz belässt es nicht bei marketingwirksamen Botschaften, sondern geht mit gutem Beispiel voran. Recycelte PET- und PE-Abfälle werden bereits seit 2010 genutzt, um daraus Verkaufsverpackungen herzustellen. EM sprach mit Reinhard Schneider, dem Vorsitzenden der Geschäftsführung und Inhaber der Werner & Mertz GmbH mit Hauptsitz in Mainz. Sein Appell: Alte Geschäftsmodelle überdenken – stattdessen die Umweltchancen nutzen.

EM: Herr Schneider, einige Wirtschaftswissenschaftler behaupten, Ökonomie und Ökologie- das passt nicht zusammen. Entweder das eine oder das andere.  Was sagen Sie dazu?

Reinhard Schneider: Durch den Umstand, dass in den letzten Jahren die größeren Innovationen bei umweltorientierten Technologien stattgefunden haben, könnte dieser Gegensatz heute aufgehoben werden. Die Frage ist mehr, wie weit man bereit ist, sich von herkömmlichen Technologien und den dazugehörigen Geschäftsmodellen zu trennen, um diese neuen Umweltchancen auch konsequent umzusetzen. Unsere Erfahrung zeigt, dass sich mittelständische Unternehmen schon alleine aufgrund ihres langfristigen Planungshorizonts konsequenter auf diesen Wandel einlassen.

EM: „Echtes Recycling kann nur gelingen, wenn wir die Verpackungen aus dem Gelben Sack effektiv wiederverwerten“. Das ist das Motto der von Ihnen und weiteren Partnern 2012 gegründeten Recyclat-Initiative. Wird aus Ihrer Sicht derzeit in Sachen Recycling nicht genug getan? Wird zu wenig aus dem Gelben Sack wiederverwertet?

Reinhard Schneider: Eindeutig ja!

EM: Die Recyclingbranche beklagt, dass zwar per neuem Verpackungsgesetz die Recyclingquote zum Beispiel von Leichtverpackungen kräftig erhöht wurde, aber gleichzeitig wenig getan wird, einen größeren Markt für Recyclate zu schaffen. So besteht die Gefahr, dass an der Nachfrage vorbei recycelt wird. Was tun aus Ihrer Sicht?

Reinhard Schneider: Zur Überwindung der „Anlaufschwierigkeiten“, mit denen fast jeder neue Markt konfrontiert ist, sind vorübergehende wirksame Incentivierungen nötig. Das neue

In den Gelben Säcken schlummern Second-Hand- Ressourcen, die es zu erschließen gilt. Sie sind zu schade zum Verfeuern. Foto: Der Grüne Punkt- Duales System Deutschland

deutsche Verpackungsgesetz sieht diese zwar grundsätzlich in Paragraph 21 vor, doch das Ausmaß und die Zeit der Umsetzung ist bisher nicht festgelegt. Da leider auch die Gegenfinanzierung dieser Incentives nicht geklärt ist, muss damit gerechnet werden, dass die dualen Systeme sich mehrheitlich darum ‚herummogeln‘. Hier müsste die Regierung zum Beispiel auf dem Verordnungsweg klare Vorgaben schaffen. Ein funktionierender Markt für Recyclate könnte immerhin ein echter deutscher Exportschlager werden.

EM: Teile der kunststoffverarbeitenden Industrie haben Vorbehalte gegen Recyclate. Sie seien zweite oder dritte Wahl, heißt es. Sie arbeiten dagegen sehr bewusst mit Recyclaten. Laut Ihrer Homepage bestehen die transparenten Frosch-Flaschen zu 100 Prozent aus Alt-Plastik – 20 Prozent davon aus dem Gelben Sack. Welche Erfahrungen haben Sie mit recyceltem Plastik gemacht?

Reinhard Schneider: Leider ist es für manche Industrien immer noch möglich, technisch längst widerlegte Vorurteile gegenüber Recyclaten weiter zu schüren. Die Weiterentwicklung der Sortiertechnologie seit den 90ern ist hingegen so umfangreich, dass uns mit unserem Verfahren nach den strengen Kriterien der amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) sogar Lebensmitteltauglichkeit für unsere Flaschen bescheinigt wurde. Darüber hinaus wurden die 100 Prozent Recyclat Flaschen aus unserer Initiative bereits 240 Millionen Mal vom Verbraucher gekauft – bei unserer Marke Frosch ein wesentlicher Wachstumsgrad unserer Marktanteile!

EM: Im einem SPIEGEL-Interview haben Sie die Allianz gegen Plastikmüll, einen Zusammenschluss von BASF, DowDupont, Procter & Gamble und anderen, als hilflosen Versuch bezeichnet, alte und obsolete Geschäftsmodelle wiederzubeleben. Womit begründen Sie diese Kritik?

Reinhard Schneider: Die Allianz gegen Plastikmüll, die ja hauptsächlich aus den Hauptplastikherstellern besteht, nimmt in ihrem Lösungsansatz eine enorme Energieverschwendung durch die Pyrolyse beziehungsweise das “Chemcycling“ in Kauf, um Plastik in seine Grundbestandteile zu depolymerisieren. Der Verdacht liegt sehr nahe, dass dies vorrangig getan wird, um mit den gewonnenen Rohstoffen wieder neues Plastik im bisherigen Geschäftsmodell produzieren und verkaufen zu können. Selbst der Dow-Chef Fitterling nennt im Handelsblatt-Interview seine Technologie „energetisch anspruchsvoll“.

“Thermische Verwertung”- für Wertstoffe eine alles andere als gute Option. Foto: Ole Poulsen

In unserem Aufbereitungsverfahren kommen wir nachweislich mit einem Bruchteil der Energie aus, um Upcycling bis zu Food Grade zu schaffen. Allerdings ohne Inanspruchnahme der Kunststoffindustrie.

EM: Die Umweltprobleme drohen uns über den Kopf zu wachsen. Schon jetzt werden Ressourcen auf Kosten unserer Nachkommen verbraucht. Was muss getan werden, um diesen Raubbau wirksam zu stoppen?  

Reinhard Schneider: Politik und Industrie müssen bereit sein, sich auf langfristige Planungshorizonte einzulassen, wenn es um die Bewertung von Investitionen geht. Die kurzfristig rentabelsten Technologien sind oftmals nicht diejenigen, die unseren Umweltproblemen gerecht werden können.

Zur Durchsetzung der besten Umwelttechnologien braucht es eine klare Haltung, die vorübergehenden Kostennachteile zu „ertragen“. Mittelständische Unternehmen sind dazu sehr viel häufiger bereit als Großunternehmen. Gerade für letztere wäre daher eine wirkungsvolle Incentivierung über das Verpackungsgesetz dringend notwendig.

EM: Herr Schneider, herzlichen Dank für das Gespräch.

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Das Interview führte Klaus Henning Glitza.

 

Zur Person und zur Recyclat-Initiative

Reinhard Schneider, Jahrgang 1968, arbeitete nach dem Studium der Betriebswirtschaft (Schwerpunkt Absatz und Handel) an der Universität St. Gallen sechs Jahre lang im Marketing. Unter anderem war er als Produktmanager bei Nestlé/Schweiz tätig. Seit 1992 gestaltete der Nachfahre der Firmengründer die Entwicklung des mehr als 150 Jahre alten Mainzer Familienunternehmens als Aufsichtsratsmitglied mit. Im Jahr 2000 übernahm er den Vorsitz der Geschäftsführung von Werner & Mertz und ein Jahr später zusätzlich die Leitung der Consumersparte im Unternehmen.

Sein Credo ist: „Nachhaltigkeit muss in allen unternehmerischen Entscheidungen erlebbar sein! Nur dann kann aus den üblichen Marketingversprechen echtes nachvollziehbares Engagement eines Unternehmens glaubhaft werden. Nur so lässt sich tiefes Vertrauen beim Verbraucher aufbauen“.

Die Recyclat-Initiative, eine Kooperation von Partnern unterschiedlicher Branchen, wurde 2012 ins Leben gerufen. Zielsetzung ist es, das gemeinsame Know-how bündeln, „um das Alt-Plastik aus der bisher für die Herstellung von Verpackungen ungenutzten Quelle Gelber Sack als Wertstoff hochwertig wieder aufzubereiten“.  Dadurch solle ein nachhaltiger Materialkreislauf entstehen, „der Ressourcen schont, das Klima schützt und sich langfristig auch wirtschaftlich durchsetzt“, heißt es auf der Homepage der Initiative.  Das gemeinsame Ziel ist es, nachhaltige Materialkreisläufe zu entwickeln und dafür den Wertstoff aus der Quelle “Gelber Sack” zu nutzen. Mitglieder der Recyclat-Initiative sind FROSCH, die Erdal-Rex GmbH in Mainz (Tochter der Werner & Mertz GmbH), der REWE Handelskonzern, der Grüne Punkt (DSD), Unisensor Sensorsysteme GmbH, der Verpackungshersteller ALPLA Werke Alwin Lehner GmbH & Co KG sowie der NABU Naturschutzbund Deutschland e.V..

Es blieb nicht bei guten Absichten: Gemeinsam haben die Kooperationspartner der Recyclat-Initiative ein verbessertes Recycling-Verfahren entwickelt, mit dem nach Eigenangaben „hochwertige PET-Recyclate gewonnen und theoretisch unendlich wiederverwertet werden können und dies mit großem Erfolg“.

Diese Innovationen fanden nationale und internationale Würdigung. Unter anderem wurde die Initiative mit dem „Sonderpreis des Deutschen Verpackungspreises“, dem „Bundespreis Ecodesign“ und dem „ECR-Award“ ausgezeichnet.

khg

Stichworte kurz erklärt

Recyclate

Ein zweites, drittes, viertes oder noch häufigeres neues Leben, das ist vereinfacht ausgedrückt das Prinzip, das Recyclaten (auch Rezyklate geschrieben) zugrunde liegt.  Recyclate sind die Antwort, auf eine umweltfeindliche und längst nicht mehr zeitgemäße Wegwerfmentalität, deren Kennzeichen das „Entsorgen“ von nur einmal benutzten Gebrauchsartikeln nach Ex-und-hopp-Manier ist. Auf diese Weise werden mehr Rohstoffe verbraucht als sie jemals nachwachsen können.

Das Grundprinzip von Recyclaten ist: Altstoffe sind Rohstoffe, genau genommen Sekundärrohstoffe. Sie zu verbrennen, ist definitiv Rohstoffvernichtung. Durch vermeidbare „thermische Behandlung“ dieser Stoffe werden unseren Kindern und Kindeskindern wichtige Ressourcen vorenthalten.

Sekundärrohstoffe stammen vielfach aus den Gelben Säcken und Tonnen. Lange Jahre wurden sie neuen Stoffen in bestimmten Verhältnissen, häufig 20 Prozent, beigemischt. Durch neue Verfahren konnte die Qualität der Recyclate dermaßen gestiegen werden, dass sie bis zu 100 Prozent in neuen Produkten wiederverwertet werden können.

Ein großes Problem ist aber, dass auch heute noch viele Plastikartikel nicht sortenrein sind. Sie bestehen aus Verbundstoffen, also unterschiedlichen, ganzflächig miteinander verbundenen Materialien, die sich im Recyclingprozess nicht unter technisch machbaren oder wirtschaftlich sinnvollen Bedingungen trennen lassen. Solche Plastikabfälle taugen oft nur noch für die Müllverbrennungsanlagen, wo sie als erdölbasierte Stoffe hoch begehrt sind, da sie Gegensatz zum oft restfeuchten Restmüll gut brennen.

Typisches Beispiel ist der Getränkekarton, der -je nach Inhalt aus bis zu drei Stoffen (Karton, Polyethylen und Aluminiumfolie) besteht. Problematisch sind auch die Coffee-to-go-Einwegbecher, deren Pappkern mit Kunststoffen beschichtet ist. Auch in den Verpackungen von Tütensuppen sind drei Werkstoffe (Papier, Kunststoffbeschichtung. Aluminium) verarbeitet.

Incentivierung

Incentivierung leitet sich von englisch Incentives (Anreiz, Antrieb oder Ansporn). Es handelt sich um Maßnahmen, die einen Anreiz beziehungsweise eine Motivation geben, Prozesse. Handlungen oder Entwicklungen in eine erwünschte positive Richtung zu lenken. Beispiel aus dem Wirtschaftsleben: Für herausragende Leistungen werden Mitarbeiter mit Geld- und Sachleistungen. Reisen oder anderen Würdigungen („Mitarbeiter des Monats“) belohnt.

Pyrolyse

Pyrolyse (altgriechisch pyr = Feuer, lysis = Auflösung) ist eine thermo-chemische Spaltung organischer Verbindungen. „thermo“ (altgriechisch thermós, warm, heiß, hitzig) steht für die dafür erforderlichen hohen Temperaturen, die bei 200 bis 900 Grad Celsius liegen.  Diese Art des Recyclings wird auch ChemCycling genannt.

Upcycling

Upcycling (englisch up, nach oben; recycling, Wiederverwertung“) führt im Gegensatz zum Downcycling zu einer stofflichen Aufwertung. Ein typisches Beispiel ist das Recyclen von Abfallstoffen zu einem neuen Produkt. Das upgecycelte Produkt unterscheidet sich qualitativ nicht wesentlich von den Ursprungsmaterialien. Beim Downcycling ist jedoch eine schlechtere Qualität kennzeichnend. Wird Plastik downgecycelt, werden in einigen herkömmlichen Verfahren die Moleküle brüchig, so dass Neustoffe zugesetzt werden müssen, um ein brauchbares Produkt zu generieren.

Food Grade

Laut Oxford Dictionary ist Food Grade „eine Qualität, die für den menschlichen Verzehr oder für die Verwendung bei der Lebensmittelherstellung oder -lagerung geeignet ist“ („of a quality suitable for human consumption, or for use in food production or storage.”  Verpackungen mit Food-Grade-Status können somit für Lebensmittel verwendet werden, ohne dass Gesundheitsgefahren zu befürchten sind.

PE

PE = Polyethylen ist neben Polyvinylchlorid (PVC) der weltweit mit Abstand am häufigsten hergestellte Kunststoff und wird vor allen für Verpackungen verwendet.

PET

PET = Polyethylenterephthalat wird unter anderem als Grundstoff von Kunststoffflaschen, Folien und Textilfasern verwendet.

Anmerkung: Als Grundlage dieser Stichworterklärung wurden unter anderem der Große Brockhaus, Wikipedia und Fachlexika genutzt.

 

 

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