Was ist los bei der EDG in Dortmund?

Was ist los bei der EDG in Dortmund?

150 150 Klaus Henning Glitza

Angeblich soll mindestens ein Viertel unzufrieden sein / EM sprach mit Beschäftigten und Insidern

 

Wenn es stimmt, dass mindestens ein Viertel der  999 Beschäftigten der Entsorgung Dortmund GmbH (EDG) Entsorgung Dortmund GmbH mit dem Betriebsklima und den Arbeitsbedingungen Ihres Unternehmens unzufrieden ist, dann sollte das zu denken geben.

Was ist da los, fragen sich die örtlichen Medien. Was ist los bei der EDG, fragt auch EM. Um der Sache auf den Grund zu gehen, sprach ein EM-Redakteur mit Mitarbeitenden und Insidern. Mit der EDG selbst war keine Kommunikation möglich, wiederholte Anfragen wurden schlichtweg ignoriert. Die „Pressestelle“- eine „Blackbox“ mitten in einem  „Stillen Ozean“ Auch die lokal zuständige ver.di, die in diesem Fall gleichfalls Rolle spielt, hüllte sich in Schweigen. Sie alle werden sicherlich wissen, warum.

Eigentlich hätten die EDG-Beschäftigten Grund zur Zufriedenheit.  Ihr Unternehmen ist ein  kommunaler Abfallwirtschaftsbetrieb und bietet somit die  die  Sicherheit des öffentlichen Dienstes,  geregelte Arbeitszeiten und einen tarifgerechten  Lohn, der am Monatsersten auf dem Konto ist. Doch scheint längst nicht alles zu sein, was die  Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von ihrem Arbeitgeber erwarten.

Vielleicht sogar mehr als 25 Prozent?

25 Prozent Unzufriedene, diese Zahl soll laut Angaben von EDG-Beschäftigten in Kreisen des Betriebsrates kursieren.  Tatsächlich könnte die Prozentzahl sogar noch höher liegen, schätzt einer der Arbeitnehmer. 50 Prozent halte er keinesfalls für unrealistisch, sagt er im Gespräch mit EM.

Ein gedeihliches Miteinander, wie es für jedes Unternehmen fruchtbar ist, scheint es bei der EDG in Dortmund nicht mehr zu geben. Foto: Jürgen Jotzo / pixelio.de

In der EDG gärt seit längerem ein innerbetrieblicher Konflikt, der längst die Dimensionen einer internen Angelegenheit überschritten hat. In der Stadt Dortmund  sind nicht nur bei den Ratsparteien die „Verhältnisse“  bei der EDG oft genug Tagesthema.  Glaubt man Insidern, bilden Geschäftsleitung zusammen mit Teilen des Betriebsrates  eine „Blase“ , die sich vom Rest des Unternehmens abkapselt und sich dabei  zunehmend von den Interessen der Beschäftigten entfernt. Und die Frage steht im Raum: Warum unternimmt an der Spitze der EDG niemand etwas, um die Wogen zu glätten, die einem wirklichen Betriebsfrieden im Wege zu stehen scheinen.

Es begann mit einem “Stühlerücken”

Wie bereits berichtet, brandeten die Wogen  der  Unzufriedenheit auf, als dem damaligen Arbeitsdirektor Wolfgang Birk im Juni 2018 ebenso unsanft wie überraschend der Stuhl vor die Tür gesetzt wurde. Ein Mann, der seit April 2011 im Amt war und nach Insiderangaben wusste, wo und wie das Herz der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer schlägt. Denn er war vorher lange Jahre Betriebsratsvorsitzender gewesen. Beschäftigte, die sich an ihn erinnern  ,sagen, man habe sich mit ihm auf Augenhöhe unterhalten können- und er habe stets ein offenes Ohr gehabt.  Ausgerechnet gegen diesen Mann richtete die neue Betriebsratsvorsitzende, kaum im Amt, eine Art  Misstrauensantrag, Es sei kein Vertrauensverhältnis mehr gegeben , erklärte die Frau, die bei den Kommunalwahlen für die SPD-kandidierte.  Birk selbst fühlte sich wie in einem falschen Film.

Ein halbes Dutzend pro Abberufung

Im Aufsichtsrat stimmten sechs Mitglieder für seine Abberufung. Unter ihnen vier Mitglieder des EDG-Betriebsrates, ein Betriebsrat des Unternehmensverbundes (bestehend unter anderem aus den Töchtern Welge, Domig,  Doreg und Doga) sowie Bastian Prange. seines Zeichen ver.di-Sekretär. Prange, der bis dahin die EDG vornehmlich  aus der Sicht eines Aufsichtsratsmitglieds erlebt hatte,  sollte der neue Arbeitsdirektor werden. Die Voraussetzungen dafür schuf er quasi mit seiner eigenen Stimme.

Ein Gewerkschaftssekretär im Aufsichtsrat, dagegen hatte nach Angaben von Beschäftigten einst ein früherer Betriebsrat Front gemacht. In das Kontrollgremium gehörten ausschließlich EDGler, die aus eigenem Erleben wüssten, worum es geht, war seine Argumentation. Das sei dem Mann nicht gut bekommen, ist aus EDG-Kreisen zu hören. Anfeindungen hätten selbst vor seinem Privatleben nicht Halt gemacht.

Über  die wirklichen  Gründe der „Amtsenthebung“ von Birk kursieren unterschiedliche Versionen. Leute, die Birk seit gut 30 Jahren kannten, hätten ihn eiskalt abserviert, so formuliert es ein Beschäftigter. Birk selbst stellt sie offiziell genannten Gründe für sein “Impeachment” in Frage und klagt seitdem auf dem Instanzenweg gegen  seinen Ex-Arbeitgeber.

 Stadt hatte eigentlich Gutes im Sinn

Dabei hatte die Stadt Dortmund, die sich als EDG- Mehrheitseigentümer im Jahr 2011 für die die neue Stelle eines Arbeitsdirektors stark machte, durchaus Gutes im Sinn. Vor dem Hintergrund einer sich verschärfenden Wettbewerbssituation und zwecks Stärkung der EDG sei es „von großer Bedeutung, die Arbeitnehmer einzubeziehen“, heißt es in der damaligen städtischen Drucksache 03348-10.  Deren Interessen sollten durch einen hauptamtlichen Arbeitsdirektor “auch institutionell eingebunden werden“, Das habe letztlich positive Auswirkungen auf das Arbeitsklima.

Glaubt man Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, die mit EM auf vertraulicher Basis sprachen, wurden diese wohlgesetzten Worte nur bis zu Birks Absetzung mit Leben erfüllt. Danach sollen sie zur  grauen Theorie geworden sein. Die Hoffnungen, die sich zunächst auf den Nachfolger richteten, hätten sich nicht erfüllt, so ein EDG-Mitarbeiter.

Der “harte Schnitt” von Dortmund

Statt Kontinuität sei in der EDG ein Umbruch, ein „harter Schnitt“  vonstattengegangen, ist von Beschäftigten zu hören.  Einen ergebnisoffenen  Meinungsaustausch habe es nach der Demissionierung von Birk nicht mehr in der gewohnten Weise gegeben. Aufkommende Diskussionen seien oft  genug mit den sinngemäßen Basta-Worten „Schluss jetzt, Feierabend“ abrupt beendet worden. Wenn jemand trotzdem noch das Wort ergreife, werde zuweilen angedroht, ihm das Fahrzeug wegzunehmen und ihn innerbetrieblich auf einen weniger attraktiven Posten zu versetzen. Selbst der Arbeitsdirektor, der als  Geschäftsführer zugleich die Arbeitgeberseite vertritt,  solle in Einzelfällen gegenüber   Beschäftigten andeuten, sie verdienten zu viel.

Auch im Betriebsrat gebe es einen „Seitenwechsel“, kritisieren EDGler. Der stellvertretende Vorsitzende dieses Gremiums, ich habe -obwohl freigestellt- die operative Verantwortung für einen 75-Mitarbeiter-Bereich übernommen. Dennoch sei er offenbar nach wie vor im Amt.  Unvergessen ist auch die zurückliegende Vergabe eines EDG-Kredites an ein Mitglied des Aufsichtsrates, der eigentlich aus unabhängiger Sicht das Kommunalunternehmen kontrollieren soll. Es ist schon denkwürdig, was in Dortmund über die Bühne geht.

Die “Drohkulisse”

REMONDIS würde gerne als Drohkulisse aufgebaut. Der private Dienstleister, so heißt es, sei vor einiger Zeit im Unternehmen EDG gewesen, habe aber angeblich von vertieften Verhandlungen Abstand genommen,  weil  ihm die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu viel Geld verdienten.

Druck statt Miteinander?

Derweil herrsche ein Klima permanenten Drucks, so berichten Beschäftigte. Das wirke sich nicht zuletzt auf jüngere Kollegen aus, die ihr Arbeitsleben noch vor sich haben. Einer aus dieser Altersgruppe sagt: „ich habe Familie, gerade ein Haus gebaut und Angst, das alles zu verlieren“. Da sei es besser,  den Mund zu halten und Ja und Amen zu sagen. Die Faust ballen. ok, aber nur in der Tasche, wo es keiner sieht.

Wenig zu einem guten Betriebsklima hat auch die jüngste „Hexenjagd“ auf die so genannten Aufständischen beigetragen. Der Betriebsrat, wohl gemerkt ein Gremium, das den Arbeitnehmerinteressen dienen soll,  hat wie berichtet der Auswertung von Videoüberwachungsübernahmen zugestimmt. Argumentation: Die Aufständischen hätten anonyme Flugzettel verteilt, die den Betriebsfrieden nach Paragraph 74 des Betriebsverfassungsgesetzes stören. Dabei hatten die Videokameras nur einen Sinn: Diebstähle und Sachbeschädigungen zu verhindern beziehungsweise die Verursacher zu ermitteln. Selbst der Mann, der für die Videoüberwachung verantwortlich zeichnet, soll in rechtlicher Hinsicht   Bauchschmerzen gehabt. Auch die Geschäftsleitung war sich keinesfalls sicher. Obwohl Juristen im Hause EDG arbeiten, habe sie externe Berater engagiert, um die Rechtslage zu prüfen, berichten EDGler. Unter Arbeitsrechtlern ist die Zulässigkeit umstritten.

“Kanonen auf Spatzen”

„Hier wird mit Kanonen auf Spatzen geschossen“, sagt ein Beschäftigter. In den Anonymschreiben, um das es geht,  würden Missstände angesprochen, aber niemand persönlich angegriffen. Das sei im weitesten Sinne  freie Meinungsäußerung und kein Vergehen  gegen das Unternehmen und seinen Betriebsfrieden, so sieht es einer der Mitarbeiter.

 Derweil laufen die innerbetrieblichen „Ermittlungen“ auf Hochtouren.    Kollegen, die auf den Videosequenzen  mit einem Flugzettel in der Hand zu sehen sind,   würden vorgeladen und gefragt: „Wer hat Euch dieses Schreiben gegeben“.  Ein Kollege sei bereits in Verdacht geraten. doch die „Beweise“ reichten offenbar  nicht aus. Da werde ins Blaue geschossen, so umschreibt es ein EDGler.

Ende eines Sehnsuchtsortes?

Viele Beschäftigte denken gern an vergangene Zeiten, in denen das  kommunale Unternehmen noch ein Sehnsuchtsort war. „Früher waren die Kolonnen wirkliche Familien“. Die Arbeit machte Spaß- und es hat in jeder Hinsicht funktioniert. “Das hat und stark gemacht“ , erinnert sich ein Beschäftigter. Heute dagegen seien die einst zusammengeschweißten Kolonnen ohne Not getrennt worden. Wer das kritisiere, bekomme zu hören „ Basta, Schluss jetzt“. Und sinngemäß: Wenn Ihr weiter aufmuckt, dann holt Euch REMONDIS- und Ihr kriegt weniger Geld.

Im Zentrum der Kritik steht auch die sonst so tapfer für die Arbeitsnehmerrechte streitende ver.di. Der Betriebsrat ist von der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft dominiert. Doch nicht wenige Beschäftigte sehen sich nicht mehr adäquat von der ver.di vertreten.

Die Erosion der ver.di

So begann   schon vor Zeiten eine Erosion. Der ver.di-Organisationsgrad, der einst bei sensationellen  97 Prozent lag, begann erst langsam, aber dann immer heftiger zu schwinden. Viele Unzufriedene wandten sich der zum Deutschen Beamtenbund gehörenden  Konkurrenzgewerkschaft komba zu. Einer ihrer Mitglieder macht deutlich: „Wir haben einst mit zehn Mitstreitern angefangen. Wenn es in der Presse heißt, das habe sich verzehnfacht, dann kann ich nur sagen, darüber sind wie längst hinaus.“

Herausforderer komba

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die komba zur nächsten Betriebsratswahl antreten wird. Ihr Ziel: Mit mehreren Mitgliedern in den Betriebsrat einzuziehen. Nicht nur in den Kreisen dieser Gewerkschaft für Kommunalunternehmen und aus ihnen hervorgegangenen privatisierten Firmenkonstrukte sprechen von „Futterneid“. ver.di wolle seine derzeit noch starke Position  erhalten.  Die Aufständischen, das weiß man, stehen der komba zumindest nahe.

Steht Aufarbeitung bevor?

Letztlich geht es nicht nur um den Machterhalt. Ein komba-Mitglied kündigt gegenüber EM an,  es werde, wenn Vertreter seiner Gewerkschaft in den Betriebsrat einziehen, eine Aufarbeitung von nach seinen Worten „diversen dubiosen Vorkommnissen“ kommen. Während derzeit gegen Mitarbeiterinnen  und Mitarbeiter, die eine solche Aufarbeitung anregten, nach seinen Worten,  mit dem „Totschlagargument Störung des Betriebsfriedens“ arbeitsrechtlich vorgegangen werden würde, wäre dies gegenüber Betriebsräten nicht möglich.

Denn derlei Hinterfragen gehört zu den originären Aufgaben einer Arbeitnehmervertretung.

Klaus Henning Glitza

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