VEOLIA: Nach seiner vermutlich größten Tat tritt Antoine Frérot nicht mehr an

VEOLIA: Nach seiner vermutlich größten Tat tritt Antoine Frérot nicht mehr an

150 150 Klaus Henning Glitza

Ämterrochade: Der scheidende CEO bleibt dem Unternehmen als Verwaltungsrats-Chef erhalten

 

Es war seine letzte große Tat- und wahrscheinlich seine größte und erfolgreichste. Antoine Frérot, oberster Chef von VEOLIA, lieferte mit der Übernahme des historischen Konkurrenten SUEZ eine Meisterleistung ab. Mit Rückenwind der Politik, den er sich vorher gesichert hatte, brachte er die Elefantenhochzeit nach französischer Art in den sicheren Hafen.  Jetzt kündigte an, er werde  nach Ablauf seiner derzeitigen Amtszeit Ende Juni zurückzutreten.

Das Ende einer Geschichte, aber auch der Anfang einer neuen. Denn dem  Unternehmen wird der am 3. Juni  1958  Geborene mit größter Wahrscheinlichkeit  auch weiterhin erhalten bleiben. Auf “einstimmigen Wunsch” der VEOLIA-Verwaltungsratsmitglieder soll  Frérot Vorsitzender des Aufsichtsgremiums werden. Ein extrem einflussreicher Job. Die Ämterrochade soll auf der kommenden Hauptversammlung von VEOLIA den Aktionären vorgeschlagen werden. Angesichts der Erfolgsbilanz von Frérot, zu Deutsch Brüderchen, Bruderherz, gilt die Wahl als Formsache.

Nachfolgerin steht fest

Die künftige CEO von VEOLIA: Die 49-jährige Estelle Brachlianoff. Foto: VEOLIA

Die Nachfolge des Mannes, der seit 2009 an der Spitze von VEOLIA stand, ist bereits geregelt. Estelle Brachlianoff ist als neue CEO nominiert. Eine Power-Frau, ganz nach dem Geschmack ihres Vorgängers, und vom diesem eigenhändig auf die neue Rolle getrimmt. Sie werde “eine neue Seite  in der Geschichte von Veolia“ aufschlagen, ist sich Frérot sicher. „Estelle ist seit fast 20 Jahren bei Veolia und ihre beispielhafte Karriere in Frankreich und im Ausland hat gezeigt, dass sie über alle erforderlichen Qualitäten verfügt, um unser Team zu führen und unsere Gruppe weiterhin bei ihren Bemühungen um eine ökologische Transformation zu unterstützen“, hob er hervor.  Und: „Sie hat an meiner Seite die prägendsten Entscheidungen für unsere Gruppe in den nächsten zwanzig Jahren mitgeprägt.“

Auf der Elite-Uni

Estelle Brachlianoff wurde 1972 geboren und ist Absolventin der  École Polytechnique und École Nationale des Ponts et Chaussées. Beide Elite-Unis hat auch Frérot besucht. Auch mit bestem Numerus Clausus kann hier niemand mir nichts, dir nichts studieren.  Der Weg in die erlauchten Hörsäle führt über eine überaus herausfordernde Aufnahmeprüfung. Dafür sind Abschlüsse an diesen Hochschulen quasi Eintrittskarten in höhere Positionen.

Estelle Brachlianoff kam 2005 zu Veolia

Estelle Brachlianoff  begann ihre Karriere in der Verkehrsinfrastruktur und arbeitete mit dem Préfet – dem Vertreter des französischen Staates – in der Region Ile-de-France in Verkehrsfragen zusammen. 2005 kam sie zu Veolia und wurde 2007 Leiterin der Bereiche Industriereinigung und Facility Management, bevor sie ab 2010 zur Chefin der Abfallaktivitäten in der Ile-de-France und ab 2012 in Großbritannien avancierte.

Zwischen 2012 und 2018 war sie Senior Executive Vice President UK & Ireland – die erste Frau, die diese Position innehatte – und Mitglied des Executive Committee von Veolia.  Im Juli 2018 kehrte Madame Brachlianoff als Chief Operating Officer Member von Veolia in ihr Heimatland Frankreich zurück. Nachfolger in Großbritannien und als Executive Vice President wurde Gavin Graveson.

Enge Zusammenarbeit mit Frérot

„Nach vier Jahren Zusammenarbeit mit Antoine, um außergewöhnliche Herausforderungen zu meistern, fühle ich mich besonders geehrt, ab dem nächsten Amtszeit  mit der Geschäftsführung von Veolia betraut zu werden“, erklärte die designierte oberste Chefin.

Größer, mächtiger, expansiver

Madame  Brachlianoff wird einen Konzern leiten. der wesentlich größer und mächtiger ist als er es unter Antoine Frérot  war.  Mit der Fusion von historischen Ausmaßen wächst  die Anzahl der Mitarbeitenden von bislang rund 180.000 auf gut  230.000. Und der Jahresumsatz, vorher 27 Milliarden schnell auf 37 Milliarden. Eine Momentaufnahme. denn die globale Expansion in strategisch relevanten Märkten  ist und bleibt ein dominierendes Geschäftsprinzip. Auch Deutschland ist auf dem VEOLIA-Radar.

Der gute Lehrmeister

Es gibt folglich viel anzupacken. Doch mit Frérot  hat die Power-Frau  seinen guten Lehrmeister gehabt. Um die Elefantenhochzeit einzufädeln, ist er höchst geschickt vorgegangen. Aus dem gescheiterten Übernahmeversuch des Jahres 2012 hat er die Lehre gezogen, dass es besser ist,   ein Sondierungsgespräch  zu viel als eines zu wenig zu führen. Das galt für die französische Wettbewerbsbehörde, die ihm beim vorigen Versuch mit ihren Bedenken einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte. Diesmal nahm er mit frühzeitig festgezurrten Zugeständnissen den Kartellwächtern den Wind aus den Segeln. Auch die EU-Kommission konnte er überzeugen. Nur die wenig frankophilen Briten blieben kritisch.

Die große Politik im Boot

Auch die große Politik hatte Frérot beizeiten ins Boot geholt. Das hatte er geschafft, wie auch das renommierte Handelsblatt berichtete, indem er wahre Schreckensbilder an die Pariser Wände  und offensiv die nationale Karte ausspielte. Tenor:  Frankreich, die Grande Nation, läge in vielen Wirtschaftsbereichen alles andere als an der Weltspitze. Zu viel an Potenzial sei auf der Strecke geblieben.  Chinesische Konzerne streckten ihre Fühler nach Europa aus und gewönnen auch in Deutschland an Einfluss. Wenn Frankreich dem entgegenwirke, nütze das letztlich auch Europa.

Die deutsche Karte

Und auch die deutsche Karte brachte er ins Spiel. Es sei nicht im nationalen Interesse Frankreichs, wenn ein Großdiscounter  via SUEZ zum großen Sprung nach Frankreich ansetzen könne. Auch über einen anderen Konzern, der schon die Welt im Namen hat, verlor er keinesfalls ausschließlich  schmeichelhafte Worte. Jetzt gelte es,  verlorenes Terrain zurückzugewinnen und einen Champion, einen Weltmeister der ökologischen Transformation in den Sattel zu heben. Einen Weltmarktführer  wie ihn  die Welt noch nicht gesehen hat.  Hand aufs Herz: Welcher gallische Polit-Profi hätte solchen Worten lauschen können, ohne zutiefst ergriffen zu sein?

Ein Kampf ohne Chance

In der Rückschau lässt sich sagen: der SUEZ-Kampf um den Erhalt der vollständigen Eigenständigkeit, er war gut für viele Schlagzeilen und Tatarenmeldungen gut, aber im Grunde für den letztlich unterlegenen Part  von Anfang an chancenlos. So ist es eben:  Wer die große Politik auf seiner Seite, muss kaum noch andere Akteure fürchten. Und hat  ein Abo auf den Sieg.

khg

Hinterlasse eine Antwort