Umweltskandal Schlei: REMONDIS wird als “zweiter Einleiter” ins Spiel gebracht

Umweltskandal Schlei: REMONDIS wird als “zweiter Einleiter” ins Spiel gebracht

150 150 Klaus Henning Glitza

Stadtwerkechef Schoofs erhebt Vorwürfe- Entsorgungskonzern dementiert entschieden

 

 

Auch optisch ist REMONDIS an vielen Stellen der Stadt Schleswig präsent. Foto: Hanns Gerdes

Der Streit zwischen den Stadtwerken Schleswig und dem Gärsubstrat-Lieferanten ReFood GmbH im Zusammenhang mit dem Schlei-Umweltskandal nimmt neue Dimensionen an. Stadtwerke-Chef Wolfgang Schoofs hat während der Werkausschusssitzung am Donnerstag, 17. Mai, den Entsorgungskonzern REMONDIS als möglichen „zweiten Einleiter“ ins Spiel gebracht. ReFood und REMONDIS gehören beide zur Rethmann-Gruppe, sind also Tochterunternehmen eines Konzerns.

In einer Pressemitteilung der Stadtwerke Schleswig wird ausgeführt, dass bei Kontrollarbeiten am Ufer des Brautseegrabens Mitarbeiter des Ver- und Entsorgungsunternehmens „Ende April Kunststoffteile im Uferbereich des Brautseegrabens oberhalb des Zulaufs der Stadtwerke entdeckt“ hätten. „Weitere Nachforschungen legen nahe, dass die Kunststoffteile dort über den Regenwasserkanal eines Gewerbebetriebes in den Brautseegraben eingeleitet worden sein könnten. Über diese Erkenntnisse haben die Stadtwerke die Umweltbehörde des Kreises Schleswig-Flensburg am 27. April 2018 und zwischenzeitlich auch das Landeskriminalamt informiert. Daraufhin fand auch eine gemeinsame Begehung auf dem Gelände des Gewerbebetriebes statt. Da es sich um einen indirekten Einleiter in den Brautseegraben handelt, werden die Stadtwerke dem Gewerbebetrieb entsprechende Auflagen machen“, so der Wortlaut der Pressemitteilung.
„Der Geschäftsführer der Schleswiger Stadtwerke, Wolfgang Schoofs, hatte die Firma Remondis als möglichen Verunreiniger zwar nicht namentlich genannt, den Zusammenhang aber nahegelegt“, berichtete der Norddeutsche Rundfunk (NDR). Auch ohne ausdrückliche Namensnennung kann aber kein Zweifel daran bestehen, dass ein Betriebsgelände von REMONDIS gemeint ist, auf dem unter anderem Gelbe Säcke gelagert werden.
REMONDIS-Sprecher Michael J. Schneider hat gegenüber dem NDR diese Vorwürfe als „abenteuerlich“ zurückgewiesen. „Es handele sich um eine Vorverurteilung, ohne einen möglichen juristischen Diskurs abzuwarten. Die Aussagen der Stadtwerke würden eine Unterlassungsaufforderung nach sich ziehen. „Es sei nicht vorstellbar, dass ein Regenwasserabfluss zu einer Verschmutzung der Schlei beitragen könne. Seiner Meinung nach handelt es sich um ein Manöver der Stadtwerke, um von eigenen Problemen abzulenken. Remondis will die Angelegenheit dennoch prüfen“, zitiert der Sender den Unternehmenssprecher.
Auch die Aufsichtsbehörde des Kreises widerspricht laut NDR der Theorie von einem „zweiten Einleiter“. Der Leiter des Fachbereichs Kreisentwicklung, Bau und Umwelt, Thorsten Roos, glaube nicht, „dass auf dem Remondis-Gelände systematisch Plastik ins Abwasser gelangt ist – schon gar nicht in der Größenordnung wie im Faulturm der Kläranlage der Stadtwerke“. „Nun von einem zweiten Einleiter zu sprechen“ sei nach den Worten von Roos „zu hoch gegriffen“.
Im Hintergrund des Streits stehen offensichtlich die erheblichen Folgekosten der Plastik-Einleitung. Experten sprechen von 1,5 Millionen Euro. Bestätigt sich aber der Verdacht, dass auch auf dem Grund des Ostsee-Meeresarmes Plastikpartikel abgelagert sind, könnten die Kosten auf ein Vielfaches anwachsen. Wenn die Stadtwerke auf diesen Kosten sitzen blieben, müssten sicherlich die Gebühren angepasst werden- und das nicht zu knapp. Mit anderen Worten: die Bürger würden zur Kasse gebeten.
„Die aktuellen Entwicklungen zeigen, wie komplex sich der Sachverhalt rund um die Kunststoffteile in der Schlei gestaltet“, kommentiert Wolfgang Schoofs laut Pressemitteilung der Stadtwerke Schleswig.
In der Tat sind nach wie viele Fragen offen:
Wieso sind in der Kläranlage die zum Teil mit bloßen Augen zu sehenden Plastikpartikeln nicht bemerkt worden?
Wie konnte es zu den Abweichungen zwischen den Mengenangaben auf Lieferscheinen und in den Laboranalysen kommen?
Weshalb hat ein Landesamt die Besorgnis erregenden Laborergebnisse lediglich durch bloßes Abheften „verwaltet“ statt pflichtgemäß Alarm zu schlagen?
Warum ist diese wichtige Landesbehörde nicht durch übergeordnete Instanzen auf Kurs gebracht worden?
Wieso ist nach den ersten Funden bereits im Jahr 2016 nicht die Prüfagenda auf Plastikpartikel erweitert worden?
Und wenn man diese Partikel mit bloßem Auge erkennen kann, wer hat da nicht hingeguckt, weggeguckt? Oder die „falsche Brille“ aufgehabt?
Wer und warum hat da eventuell etwas übersehen oder übersehen wollen?
Fragen über Fragen. „In der Schlei-Affäre sind wir noch längst nicht auf der letzten Erkenntnisstufe angekommen“, so ein Kenner der örtlichen Verhältnisse in Schleswig. Angesichts der Fakten ist es schwierig, ihm zu widersprechen.
nic/khg

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