Übernahme des Dualen Systems steht kurz bevor

Übernahme des Dualen Systems steht kurz bevor

150 150 Klaus Henning Glitza

REMONDIS hat nach FAZ-Informationen bereits beim Bundeskartellamt vorgefühlt

 

Lange wurde eine mögliche Elefantenhochzeit, wie die Übernahme des Dualen Systems Deutschland (DSD) durch REMONDIS in der Branche genannt wird, als „Marktgerücht“ heruntergespielt. Doch jetzt zeichnet sich deutlich ab: Das mit Abstand größte deutsche Entsorgungsunternehmen fest entschlossen ist, das größte deutsche Rücknahmesystem zu schlucken.

Von wegen „Abbruch der Verkaufsverhandlungen“, wie verschiedentlich gemeldet wurde. „Das war alles Taktik“, erläutert ein Insider. Es wundere ihn, dass selbst Fachleute, die es besser wissen sollten, darauf hereingefallen sind. Die Wahrheit sieht anders aus. Statt sich in die Schmollecke zurückzuziehen, hat REMONDIS bereits erste Vorbereitungen getroffen und beim Bundeskartellamt vorgefühlt.  Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete jüngst darüber, dass eine hochrangige Delegation unter Leitung von Topmanager Herwart Wilms am 18. Dezember des vergangenen Jahres bei der Wettbewerbsbehörde in Bonn vorstellig wurde. Mit dabei: der Chefjustiziar und ein renommierter Kartellrechtler. Frage war dabei, was wäre, wenn?  Konkret: Mit welchen Auflagen müsse gerechnet werden, wenn sich REMONDIS den Marktführer der dualen Systeme einverleibt.

Geheime Kommandosache: Hinter den Kulissen fanden “Sondierungsgespräche” mit dem Bundeskartellamt statt. Foto: Bernd Kasper/pixelio.de

Welche Antworten die Wettbewerbshüter gaben, ist nicht bekannt. Es drang aber durch, dass das Bundeskartellamt aufgrund enger gesetzlicher Vorgaben vermutlich keine Möglichkeit hat, die „Elefantenhochzeit“ zu verhindern, wohl aber einschneidende Auflagen verfügen könne und werde.

Mit solchen Auflagen ist REMONDIS durchaus vertraut.  Bereits beim letzten Megadeal, der Übernahme der Entsorgungssparte des Energieversorgungskonzerns RWE im September 2004 gab es derlei einschränkende Verfügungen. Auf Anordnung der Kartellbehörde musste sich REMONDIS damals von Anteilen an Interseroh trennen. Ob es schon seinerzeit „Sondierungsgespräche“ mit dem Bundeskartellamt gegeben hat, ist nicht bekannt.

Auf jeden Fall hatte der damalige „große Schluck aus der Pulle“, so ein Insider, mehr Vor- als Nachteile für REMONDIS. Nach dem Deal wurde REMONDIS auf einen Schlag zur Nummer 1 in Deutschland. Ein Spitzenplatz, den vorher die aufgekaufte RWE Umwelt innehatte. „Das war ein Riesenschritt nach vorn, der einfach unbezahlbar ist“, kommentiert ein Experte.

Geheime Weiterführung der Verhandlungen. Vorfühlen bei der Kartellbehörde- REMONDIS ging bei allen vorbereitenden Schritten zum neuen Mega-Deal mit äußerster Diskretion vor. Alle Verhandlungen mit den Verkäufern und das „Sondierungsgespräch“ mit dem Bundeskartellamt fanden sorgsam abgeschirmt vor der Öffentlichkeit statt. Sämtliche Beteiligten wurden auf eisernes Schwiegen eingeschworen. Am liebsten wäre es REMONDIS und den Verkäufern gewesen, wenn die Details des geplanten Deals eine geheime Kommandosache geblieben wären. Alle Seiten gaben sich die größte Mühe, den Stand der Verhandlungen unter der Decke zu halten. Weder der Konzern aus Lünen noch die derzeitigen Mehrheitsgesellschafter oder DSD und noch nicht einmal das Bundeskartellamt waren zu Statements bereit.

Dass trotzdem etwas durchdrang, konnte indessen durch die Allianz der Schweigenden nicht verhindert werden. So wurde aus Unternehmenskreisen bekannt, dass bei REMONDIS bereits Vorfreude über die künftige Neuerwerbung herrscht. „Die Sektkorken haben noch nicht geknallt, aber die Flaschen stehen schon kühl“.so drückt es ein Insider aus.

Zur Vorfreude hat der Konzern aus Lünen nach EM-Informationen allen Grund. Denn die ursprünglich lange Schlange von Interessenten an DSD ist auf ein paar Private-Equity-Firmen zusammengeschrumpft. Ein erneuter Verkauf an Investoren, die DSD bei nächster Gelegenheit wieder abstoßen, sei aber „aus übergeordneten Gründen“ nicht erwünscht, heißt es aus berufenem Munde.  So sei letzten Endes nur REMONDIS als „ernsthafter Bewerber“ übriggeblieben.

Dass der Konzern lange verbreiten ließ, er sei aus dem Interessentenkreis ausgeschieden, hatte nach Angaben eines Insiders zwei Motive. Zum einen ging es darum, die besorgte Branche „ruhig zu stellen“. Zum anderen sollten die Verkäufer, die Private-Equity-Fonds HIG Capital und Bluebay, dadurch „weichgekocht werden“, dass REMONDIS tatsächlich kurzzeitig den Verhandlungstisch verließ, sich aber dann nur allzu gerne wieder

zurückbitten ließ. In der Chefetage von REMONDIS war nur allzu gut bekannt, dass die Investoren verkaufen müssen. Sie haben keine andere Wahl. Ihr Ruf, das höchste Kapital neben dem rein Pekuniären, steht auf dem Spiel.  Der Verkauf nach einer bestimmten Haltezeit ist ihr oberstes Geschäftsprinzip. Und das möglichst mit üppigem Gewinn, aber auf keinen Fall mit Verlusten.

Das Kalkül: Je länger man die Mehrheitsgesellschafter schmoren lässt, desto kompromissbereiter werden sie. Genau das ist der Grund, weshalb nach

In vielen kleineren Entsorgungsunternehmen ist schon jetzt das Geld knapp. Eine neue Marktsituation nach der Übernahme von DSD durch REMONDIS könnte diese Situation noch verschlimmern. Foto: Klaus-Uwe Gerhardt/pixelio.de

internen Informationen der Deal nicht schon längst über die Bühne gegangen ist. Es gibt schlicht und ergreifend noch keine Einigung über den Verkaufspreis. Dabei ist nach anfänglich erheblichen Differenzen zwischen Forderung und Angebot in der Zwischenzeit durchaus eine Annäherung erfolgt. REMONDIS habe zunächst „einen gerade mal dreistelligen Millionenbetrag“ geboten, später dann die Summe aufgestockt und sei erst Anfang des Jahres „im realistischen Bereich angekommen“, ist aus gut informierten Kreisen zu hören. Doch den Mehrheitseigentümern HIG Capital und Bluebay geht es nicht um die schwarze Null, sondern um eine Kaufsumme, die die Investitionen deutlich übersteigt. Zudem: Ein „guter Verkauf“ ist gut für die Akzeptanz in Investorenkreisen, ein schleppender Verlauf aber Gift für die Imagewerte.

Um große Summen gehe es dabei aber nicht mehr, wissen Marktkenner. Die Differenzen zwischen den Erwartungen der Verkäufer und dem Angebot des Marktführers aus Lünen lägen längst in einer Größenordnung, dass sie -überspitzt formuliert- „aus der Portokasse bezahlt werden könnten“.   Das sei alles nur noch „eine Prinzipien- und Prestigefrage“. REMONDIS lege es darauf an, bei den Kaufverhandlungen das letzte Wort zu haben- „so wie es dem Selbstverständnis des Konzerns entspricht“.  Es gehe nicht darum, die Verkäufer nach Punkten zu besiegen. „sondern sie auf die Matte zu schicken“.

Zweifellos: Die Zeit arbeitet für REMONDIS. Für den Konzern kommt es nicht darauf an, DSD ein paar Tage, Wochen oder Monate früher einzugliedern. Aber für HIG Capital und Bluebay wird es zeitlich allmählich eng. Peinlich ist auch, dass bereits für Mitte des vergangenen der Verkauf vom DSD-CEO terminiert worden war. Schon machen bitterböse Vergleiche mit dem Großflughafen BER die Runde. In der Mitarbeiterschaft herrscht inzwischen Unruhe und Verunsicherung, ist zu hören.  Es wurde bekannt, dass die Weihnachtsfeie 2017 kurzfristig abgesagt wurde. Weil keinem nach Feiern zumute war?

Wie auch immer: Der Kauf von DSD würde nicht nur die Marktmacht von REMONDIS nach vorne bringen, sondern auch die Gewinne des Konzerns nach oben treiben. Wie die Bild am Sonntag in ihrer Ausgabe vom 28. Januar schreibt, werde laut einer „geheimen Finanzprognose“ für die Jahre 2018 bis 2021 mit Gewinnen „von 37,1 bis 51,9 Millionen pro Jahr“ gerechnet. Da käme das Invest nach wenigen Jahren wieder herein.

Ein glänzendes Geschäft, das sich REMONDIS auf keinen Fall entgehen lassen möchte.

 

Am Ende der Marktwirtschaft?

Von Petra Meine

Monopolen oder Oligopolen, der Marktbeherrschung durch ein oder zwei Unternehmen, hat der Staat einen Riegel vorgeschoben. Und das aus guten Grund. Denn dort, wo ein funktionierender Markt außer Kraft gesetzt wird, ergeben sich die Preise nicht aus fairem Wettbewerb, sondern aus den materiellen Bedürfnissen mächtiger Unternehmen. Deren Gewinnstreben wird zum Maßstab für die Preisfindung.  Sind dagegen viele Mitbewerber am Start, gewinnt derjenige, der eine gute Leistung am preisgünstigsten anbieten kann.

Ein historischer Rückblick zeigt, dass sich Monopole oder Oligopole immer zum Nachteil der Verbraucher ausgewirkt haben, die wesentlich tiefer in die Taschen greifen mussten. Noch niemals in der Geschichte haben Ein- und Zwei-Unternehmen-Konstrukte irgendetwas besser gemacht. Ganz im Gegenteil.

Fairer Wettbewerb ist praktische Demokratie. Viele machen mit, der Beste gewinnt. Eine Monopol- oder Oligopol-Wirtschaft ist dagegen quasi Diktatur. Ein paar Leute bestimmen, der Rest hat zu folgen. Konkrete Frage: Kann unsere Politik so etwas wirklich etwas wollen? Oder aber die Augen vor einer Entwicklung verschließen, die nachteilig für Bevölkerung ist?  Entsorgung, Recycling. Kreislaufwirtschaft, das sind nicht irgendwelche Randnoten, sondern bedeutsame Fragen der Daseinsvorsorge. Und wie viel der Bürger künftig für diese Leistungen bezahlen müssen, das ist ein wichtiger Punkt in einer Zeit, in der die finanziellen Belastungen der Einzelnen ständig steigen.

Gerade hat China, die bisherige Weltmüllkippe in Sachen Plastikabfälle, die Schotten geschlossen. Weitaus mehr „Müll“ dieser Art muss künftig vor Ort recycelt werden. Eine Herkulesaufgabe, die einen funktionierenden Markt voraussetzt. Auch die Forschung verlangt nach Wettbewerb. Ein „Konzert“ vieler statt einer Solodarbietung ist jetzt vonnöten.

Immer wieder wird in öffentlichen Reden der Mittelstand gepriesen. Der Mittelstand, das ist das Rückgrat, der Erfolgsfaktor der deutschen Wirtschaft. Laut Bundesministerium für Wirtschaft und Energie sind über 99 Prozent aller Unternehmen in Deutschland Mittelständler. „Sie erwirtschaften mehr als die Hälfte der Wertschöpfung, stellen fast 60 Prozent aller Arbeitsplätze und rund 82 Prozent der betrieblichen Ausbildungsplätze bereit“, so das Ministerium.

Kommt es zur Übernahme von DSD durch REMONDIS, wäre die überwiegend mittelständische Struktur der Entsorgungsbranche über kurz oder lang dem Untergang geweiht. Nur noch Handlanger eines alles dominierenden Konzerns zu sein- wer will das schon. Und wichtiger noch: Wer kann das schon auf längere Sicht wirtschaftlich überleben, wenn er nur die Brosamen abbekommt, die vom großen Tisch auf den Boden fallen.

In der großen Politik scheint sich derzeit alles um die „GroKo“ zu drehen. Das ist einerseits verständlich, denn Deutschland braucht ohne Zweifel eine stabile Regierung und keine fragwürdigen Zwischenlösungen. Doch sollten dabei wichtige Zukunftsfragen, zu denen unbestritten das Entsorgungs- und Recyclingwesen gehört, nicht außer Acht gelassen werden.

Das Bundeskartellamt ist in einer schwierigen Situation. Einerseits hat es die Sektoruntersuchung Haushaltsabfälle angeschoben, die die Wettbewerbsbedingungen in der Entsorgungsbranche beleuchten soll. Weil sich die Hinweise häufen, dass die Marktwirtschaft in diesem Bereich nicht mehr richtig funktioniert. Andererseits trägt die Behörde eventuell dazu bei, dass mit einer Genehmigung der Elefantenhochzeit der Wettbewerb weiter eingeschränkt wird. Aus Sicht von EM sind keine Auflagen denkbar, die das komplett verhindern können. Elefantenhochzeit ist Elefantenhochzweit- niemand kann sie ungeschehen machen, geschweige denn auch nur abmildern.

Es ist zu hoffen, dass es nicht zum Äußersten kommt. Gemeinnutz geht vor Eigennutz, so steht es im Grundgesetz, das uns allen heilig sein sollte. Und die Betonung liegt auf allen.

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