Tödlicher Unfall von Lehrte: Fahrer muss Geldstrafe zahlen

Tödlicher Unfall von Lehrte: Fahrer muss Geldstrafe zahlen

Tödlicher Unfall von Lehrte: Fahrer muss Geldstrafe zahlen 150 150 Klaus Henning Glitza

Gut anderthalb Jahre nach dem Vorfall ist das Urteil ergangen

 

In dem Strafverfahren gegen einen 36-jährigen Müllfahrzeugfahrer ist das Urteil ergangen. René H., der am 18. Januar 2019 mit seinem Lkw beim Rechtsabbiegen in Lehrte (Region Hannover) die elfjährige Esra D. tödlich verletzt hatte, wurde wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 2.700 Euro verurteilt.

Es war der oft genannte „tote Winkel“, der dem Kind zum Verhängnis wurde.  Zum Unfallzeitpunkt war es noch stockdunkel. Ein typischer Wintermorgen- düster und ungemütlich. Mit einem Abbiegeassistenzsystem, das den Fahrer hätte warnen können, war der Lkw nicht ausgestattet.

Zum Unfall kam es, als das junge Mädchen auf dem Weg zur Schule gegen 7.10 Uhr einen Fußgängerüberweg bei Grünlicht überqueren wollte.  Kaum auf dem Überweg wurde die Realschülerin von dem rechts abbiegenden Lkw erfasst, unter das Fahrerhaus gedrückt und mitgeschleift.  Wenige Stunden später erlag die Elfjährige in einer Klinik ihren Verletzungen. Es war der Tag nach ihrem Geburtstag. Am Nachmittag wollte Esra D. mit Freunden und Freundinnen eine Party feiern.

Unfallgeschehen nicht wahrgenommen?

Der Fahrer setzte nach der folgenschweren Kollision die Fahrt fort, ohne sich um das schwerst verletzte Opfer zu kümmern. Bei der polizeilichen Vernehmung und vor Gericht sagt er aus, er habe weder das Kind noch das Unfallgeschehen wahrgenommen.

Weil er weiterfuhr, war logischerweise in ersten Polizeimeldungen von Unfallflucht die Rede. Eine Fahndung wurde eingeleitet. Zeugen des dramatischen Vorfalls halfen nicht wirklich weiter, sie konnten sich lediglich an einen weißfarbenenn Lkw erinnern. Es ist anzunehmen, dass mit diesen spärlichen Angaben eine Feststellung des Unfallverursachers nicht möglich gewesen wäre. Der entscheidende Hinweis kam schließlich von dem Fahrzeughalter, dem privaten Entsorgungsunternehmen Veolia, selbst. Auf den Unfall aufmerksam geworden, hatten Verantwortliche des Unternehmens sämtliche Fahrzeugdaten auswerten lassen und stießen dabei auf den damals 35-jährigen Mann aus Coppenbrügge (Landkreis Hameln-Pyrmont). Anschließend, am Nachmittag,  wurde die Polizei informiert.

Der Strafprozess gegen den Unfallfahrer  wurde vom  zuständigen Amtsgericht Lehrte in die größeren Räumlichkeiten des Landgerichtes Hildesheim verlegt. Auch, um die Corona-bedingten Mindestabstände einhalten zu können. Etliche Menschen nahmen Anteil an dem Gerichtsverfahren mit dem Aktenzeichen 4 Ds 27 Js 2992/19. Auch die Eltern und die älteren Brüder des toten Mädchens wohnten als Nebenkläger dem Prozess bei. Sie zeigen Fotos von Esra D.- und nicht immer können sie die Tränen zurückhalten. Die Mutter trägt zum Andenken den Schulranzen ihrer Tochter.

“Es tut mir unendlich Leid”

Der 36-jährige Unfallfahrer, selbst Vater von zwei leiblichen und zwei Stiefkindern, offenbart vor Gericht, wie sehr ihn der Unfall noch heute bewegt. „Es tut mir unendlich Leid“, sagt er in Richtung der Eltern und der Brüder. Er würde alles dafür tun, das tragische Ereignis ungeschehen zu machen. Aber das könne er leider nicht.

Die Reue ist nicht gespielt. Der furchtbare Unfall macht dem Mann aus Coppenbrügge bis heute schwer zu schaffen. Er hat psychische Probleme, unterzieht sich eine Therapie.  Seit dem Tod von Esra D. ist er krankgeschrieben.

Der Lkw-Fahrer entschuldigt sich bei den Angehörigen, doch die nehmen die Entschuldigung nach Aussagen ihres Rechtanwaltes Harald Lemke-Küch nicht an. Zu tief ist die Trauer um die einzige Tochter, die einzige Schwester. Den Vorwurf, dass er hätte besser aufpassen müssen, wollen sie dem Angeklagten nicht ersparen. Die Angehörigen können auch nicht so richtig glauben, dass der Veolia-Fahrer von dem Unfall rein gar nichts bemerkt haben will. Es müsse einen Knall gegeben haben, der schwerlich zu überhören war, sagt der Vater vor Gericht.

“Erhebliche Sichteinschränkungen”

Auch die Kernaussagen eines technischen Gutachters entlasten den Angeklagten nicht wirklich. Der Fachmann räumte zwar ein, dass das relevante Fahrzeug aufgrund eines Greifarmes im Frontbereich “bauartbedingte erhebliche Sichteinschränkungen” aufgewiesen habe.  Gleichzeitig machte er aber im Einklang mit Richterin Isabell Würfel deutlich, dass gerade dies eine erhöhte Aufmerksamkeit beim Abbiegen erfordert hätte.

Die empörten Angehörigen des getöteten Mädchens haben das Urteil als zu milde bezeichnet. Er sei sicher, dass es sich um Unfallflucht gehandelt habe, sagt der Vater. Richterin Würfel folgte dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Die Verteidigung hatte eine Geldstrafe von 900 Euro beantragt.

Der tödliche Unfall, ein furchtbares Ereignis mit einem Opfer und vielen Leidtragenden. Die belastende Erinnerung an den folgenschweren Unfall wird alle Beteiligten wie ein düsterer Schatten  begleiten. Heute, morgen, ein Leben lang.

K H Glitza

Hinterlasse eine Antwort