STEAG: REMONDIS ist zwar Favorit- aber nicht allein auf weiter Flur

STEAG: REMONDIS ist zwar Favorit- aber nicht allein auf weiter Flur

150 150 Klaus Henning Glitza

Entscheidung im Quartal 2020 / Auch US-Finanzinvestoren und tschechischer Konzern sollen unter den Bietern sein

Bald ist es soweit: Im ersten Quartal 2020 soll die STEAG, Deutschlands fünftgrößter  Energiekonzern, an den Mann, manche witzeln „an den Rethmann“, gebracht werden. Derzeit wird auf höchster Ebene verhandelt- in einer Art „Geheimkabinett“, wie Insider wissen. Absolute Chefsache- unterhalb der „obersten Heeresleitung“ ist kaum jemand involviert. Dennoch drang durch:  Zu einem der ganz  klaren Favoriten  gehört nach wie vor der REMONDIS-Konzern. Doch das Lünener Riesenunternehmen ist nicht allein auf weiter Flur.

Neben REMONDIS, so ist zu hören,  ist auch ein US-amerikanischer Finanzinvestor mit australischen Wurzeln im Spiel. Möglicherweise gehört auch der  tschechische Megakonzern „Energetický a průmyslový holding“ (EPH) zu jenen Bietern, die noch am finalen Verkaufsprozess beteiligt sind.

EPH- der Riese aus Tschechien

Das in nichtfachlichen Kreisen weitgehend unbekannte Konglomerat „Energetický a průmyslový holding“ ist ein führender mitteleuropäischer Energiekonzern mit insgesamt fast 25.000 Beschäftigten. EPH besitzt Vermögenswerte in der Tschechischen Republik, der Slowakischen Republik, Deutschland, Italien, Großbritannien, Frankreich, Ungarn und Polen, 2012 erwarb der Konzern die Mitteldeutschen Braunkohlegesellschaft MIBRAG von Vattenfall.

Daniel Kretinsky- ein gewiefter Stratege

Hinter der EPH soll, obwohl nach außen hin ausgeschieden, maßgeblich Daniel Kretinsky stehen, der mit Abstand reichste Tscheche, dem auch der Fußballverein Sparta Prag gehört. Der gelernte Jurist, der als extrem gewiefter Stratege gilt, hat sich in die konventionelle Energieversorgung in Polen, Ungarn und der Slowakei eingekauft. Die STEAG würde somit fabelhaft ins Portfolio passen.

Milliardenschwere US-Investoren

Von den US-amerikanischen Interessenten,  die Milliarden Dollar auf der hohen Kante haben, ist zu hören, dass sie an dem deutschen Geschäftszweig der international aufgestellten STEAG weniger interessiert sind. Deutschland gilt in internationalen Investmentkreisen inzwischen als energiepolitisch instabiler Raum mit einer fraglichen politischen Entwicklung. So liegt es also durchaus im Bereich des Möglichen, dass die US-Amerikaner zwar den Kauf der gesamten STEAG anpeilen, den deutschen Part aber an REMONDIS durchreichen. Lünen-intern soll diese Lösung sogar bevorzugt sein, da bei einem Gesamtpaketkartellrechtliche Risiken gesehen werden.

Deutscher Teil der STEAG “am interessantesten”

Auch aus REMONDIS-nahen Kreisen ist zu hören, dass der deutsche Teil der STEAG der interessante sein soll. Allein die Immobilien des Energiekonzerns sollen mindestens so viel wert sein wie der angebotene Kaufpreis (ein Euro plus Ablösung der Verbindlichkeiten der kommunalen Anteilseigner). Insider sprechen sogar von einem Mehrfachen. Punkt Nr. 2 sind die mit den Flächen verbundenen Genehmigungen. Umwidmungen dürften sehr viel einfacher sein als neue Genehmigungen, schon wegen der  absehbaren langwierigen Verfahren mit ungewissem Ausgang,

Auch GELSENWASSER “im Sack”?

Für REMONDIS spielt aber auch eine Rolle, dass mit der Westfälischen Energie und Wasser“ (WEW) eine Gesellschaft, die nach Lünener Vorstellungen der STEAG nachfolgen soll, die den Stadtwerken Dortmund und Bochum gehörende GELSENWASSER AG in größere Nähe und vielleicht auch Abhängigkeit zum Rethmann-Konzern gerät. Schon seit langer Zeit versuchen die Remondianer, den Markteinfluss der kommunalen Unternehmen zurückzudrängen. Eine zunehmende Kommunalisierung wird im REMONDIS-Geschäftsbericht ausdrücklich als Risikofaktor für die weitere wirtschaftliche Entwicklung von REMONDIS beschrieben.

Was Lünen will, kann nicht schlecht sein

Klar ist: Wenn die Lünener die STEAG wollen, kann das kein Unternehmen  mit fragwürdiger Zukunftsfähigkeit sein.  Gut, günstig und gewinnträchtig einkaufen, das gehört zur REMONDIS-DNA. Zwar ist im Augenblick -Stichwort Kohleausstieg- die Ertragslage der STEAG beeinträchtigt, aber Miese macht der Energiekonzerne selbst unter diesen ungünstigen Rahmenbedingungen nicht.  Wohl bedarf es aber erheblicher struktureller  Anpassungen, um den Energieriesen fit für die Zukunft zu machen. “Der STEAG-Konzern geht davon aus, dass die sich aus der strategischen Ausrichtung ergebenden Chancen und insbesondere die geplanten Investitionen in Wachstumsfeldern, zukünftig dazu beitragen werden, dass sich der STEAG-Konzern weiterhin erfolgreich im Energiemarkt positionieren wird“, heißt es dazu im jüngsten STEAG-Prognosebericht.

Ein Mann mit strategischer Denke

Der CEO der Dortmunder Stadtwerke (DSW21), Guntram Pehlke, als Oberst der Reserve ein Mann mit strategischer Denke,  weiß durchaus den wahren Wert der STEAG zutreffend einzuschätzen.  Schon 2010, als die Kommunalen die STEAG zunächst zum  Teil erwarben, war der DSW21-Chef die treibende Kraft. Während die anderen Stadtwerke und Energieversorger noch zauderten, war sich Pehlke sicher, dass die STEAG eine lohnende Investition sei. Quasi ein Königsweg, um aus der für Kommunen typischen Finanzmisere herauszukommen. So sieht er es noch heute. Es lässt sich sogar sagen: heute mehr denn je.

Von Werthaltigkeit überzeugt

„DSW21 ist von der Werthaltigkeit so wie dem Entwicklungspotenzial der STEAG überzeugt und wird seine Anteile weiter halten”, heißt es in einer DSW 21- Pressemitteilung Die anderen Anteilseigner, von denen böse Zungen sagen, sie wäre eben Stadtwerke und keine Staatswerke und schon gar nicht Global Player, bekamen dagegen kalte Füße. Denn es steht außer Zweifel; wer den wahren Schatz der STEAG heben will, muss erst einmal Geld in die Hand nehmen, das aber zurzeit extrem billig ist. . Beispielsweise um die bestehenden Steinkohlekraftwerke auf andere Energieträger, beispielsweise Gas, umzustellen. Geschieht dies, dürfte sich die STEAG als Goldgrube erweisen, so Insider.

Energiewende- möglicherweise eine Illusion?

Deutschlands fünftgrößter Energiekonzern sei ein Schatz, der erst zum Teil gehoben sei, wissen auch andere Experten. Denn zum einen könne die Energiewende nie und nimmer so ablaufen, wie es sich die hohe Politik vorstelle. Die alternativen Energien sind aus Sicht dieser Fachleute gar nicht in der Lage, die abgeschalteten oder vor der Abschaltung stehenden Energiequellen in direktem Anschluss zu ersetzen. Mit der Vorgabe, dass Windenergieanlagen einen Mindestabstand zu Bebauungen aufweisen müssen,  auch wenn sie nur aus ein paar Häuschen bestehen, ist diese nachhaltige Versorgungsart infrage gestellt. Die Bereitschaft, Windräder zu erreichten, ist aus diesem Grund, aber auch wegen  zu erwartender  Klageverfahren und ewig dauernder umständlicher Genehmigungsverfahren ohnehin in den Keller geraten. Schon mehreren sich die Stimmen, die eine Rückkehr zu Kernkraftwerken fordern. Wir erinnern uns: der Ausstieg aus der Atomenergie hatte seine Wurzeln in der Katastrophe von Fukushima, aber auch darin, dass die Entsorgung des Atommülls zunehmend zu einem unlösbaren Problem wurde. Da wäre es fatal, wenn die feierlich proklamierte und gesellschaftlich gewollte Energiewende am Ende zu einer Renaissance der Kernkraftwerke führte.

Fragliche Alternativen

Auch die Versorgung mit dem „sauberen“ Erdgas ist eine fragliche Angelegenheit. Das Erdgas an sich ist zwar in ökologischer Hinsicht gegenüber Mineralöl und Kohle klar im Vorteil. Jedoch gehören deren meist ausländische Produzenten zu den weltweit größten Umweltverschmutzern. Die Belieferung mit Erdgas erfolgt zudem aus Ländern, die dies als politisches Druckmittel benutzen könnten.

Liquidierung heimischer Energiequellen?

Die tschechischen Strategen haben dazu eine klare Position. Laut Petr Lukac von der Wirtschaftszeitung Hospodarske Noviny sind sie davon überzeugt, dass Deutschland betreibt eine recht dumme Energiepolitik betreibe, weil die heimischen Energiequellen liquidiert werden. Selbst Braunkohle habe als Brückentechnologie auch weiter eine Zukunft, so der EPH-Konzern. Denn die Energiewende werde sich nach dem verkündeten Zeitplan nicht realisieren lassen.

Nur Essen hat den Ausstieg festgezurrt

Vielleicht auch deshalb sind mit Ausnahme Essens die weiteren kommunalen Anteilseigner. Stadtwerke Duisburg AG, Stadtwerke Bochum GmbH, Stadtwerke Essen AG, Energieversorgung Oberhausen AG und Stadtwerke Dinslaken GmbH auch gar nicht zum definitiven Ausstieg entschlossen.  Nur der Rat der Stadt Essen hat bislang klar entschieden, dass er seinen Anteil verkaufen will. Von den anderen „Playern“ liegen – trotz anderslautender Medienmeldungen- keine belastbaren mündlichen oder schriftlichen Aussagen vor, dass sie der STEAG den Rücken zuwenden wollen. Zwar beteiligen sich Bochum, Dinslaken Duisburg und Oberhausen ebenso wie Essen am gemeinsamen Verkaufsprozess, doch eine endgültige Verkaufsorder ist damit noch nicht verbunden. „Es gibt lediglich Überlegungen- nicht mehr und nicht weniger“, so ein Stadtwerke-Manager.

IG BCE hat Angst um Arbeitsplätze

Auch der Industriegewerkschaft Bergbau-Chemie-Energie-Bergbau (IG BCE) wäre es lieber, wenn die Kommunalen im Boot blieben. Denn die Arbeitnehmervertreter treibt die Sorge um radikalen Arbeitsplatzabbau um. Von einer Reduzierung um 1.000 Mitarbeiter, angeblich alles sozialverträglich,  ist bereits öffentlich unter der noch bestehenden kommunalen Herrschaft gesprochen worden. Kommt die STEAG mehrheitlich unter privatwirtschaftliche Regie, werde der Personalabbau bei den 6.575 Mitarbeiter (Stand Ende 2018) mit großer Sicherheit noch  massiver ausfallen, verlautet aus IG BCE-Kreisen. Vor kurzem haben die Gewerkschafter noch von einem Monopoly auf Kosten Beschäftigten gesprochen hat. Derzeit hält sich die IG BCE bedeckt. Es liefen Gespräche, heißt es von informierter Seite.

Steuerzahlers Geld am falschen Platz?

Ein möglicher Verkauf beunruhigt aber auch Steuerzahlerschützer. Denn in die STEAG sind im Ergebnis erhebliche kommunale Mittel und das bedeutet Steuergelder geflossen. Das alles, um dann  gerade einmal für einen „Appel und ein Ei“ (beides bekommt man mit Chance für einen Euro) verhökert zu werden.

„Steuerzahlers Geld für eine privatwirtschaftliche Beute“, so formuliert es unverblümt  ein Insider.

khg

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