“Sie kommen in Schwärmen”

“Sie kommen in Schwärmen”

“Sie kommen in Schwärmen” 150 150 Klaus Henning Glitza

Jetzt reicht es den Bürgern / Schon seit mehr als zehn Jahren wimmelt es in Schönau (Sachsen) vor Fliegen

 

„Sie kommen nicht nur einzeln, nicht nur ab und zu, sondern in Schwärmen“. So wird im „Sachsenspiegel“ des MDR die Situation in Schönau beschrieben. Der Ortsteil der sächsischen Stadt Wildenfels wird bereits seit mehr als zehn Jahren von einer wahren Fliegeninvasion heimgesucht. Doch der Betreiber einer örtlichen Kompostanlage schiebt alle Schuld von sich.  Jetzt gehen die bislang mehr als geduldigen Bürger auf die Barrikaden.

Matthias Joram kennt das Schönauer Problem besser als ihm lieb ist. Wenn er mit einem seiner Busse vorfährt, heißt es nicht selten „Ach, da kommt der Fliegenbus“. Dabei tut der Busunternehmer schon alles, um seine großen Straßenfahrzeuge von den lästigen Plagegeistern zu befreien.

Wenig appetitlich: Ein privates Foto, das die die Fliegenplage von Schönau illustriert. Foto: privat

Fliegenklatschen gehören derzeit zu seinen wichtigsten Utensilien. Wenn er einen der Busse durchlüftet, und sei es nur für 20 Minuten, muss er anschließend mit der Klatsche aktiv werden. Inzwischen hat er Übung und erwischt viele der lästigen Insekten. Aber etliche der Fliegen und kommen erst wieder zum Vorschein, wenn die Fahrgäste im Bus sitzen. Geschäfts- und imagefördernd ist das wirklich nicht.

“Willkommen in Fliegenburg”

Kein Wunder, dass der Schönauer, dessen Betrieb ganz in der Nähe des Kompostwerkes liegt, zusammen mit Mitstreitern eine Bürgerinitiative gegründet hat. 59 Bürger haben sich gleich am ersten Tag in die Listen eingetragen.  Ihre Hauptforderung: Schluss mit der unzumutbaren Fliegenplage und „Schließt das Kompostwerk“. „Willkommen in Fliegenburg“ ist am Gründungstag auf einem der Schilder zu lesen.

Schönau- ein geplagter Ort

Von einer Plage in Schönau zu sprechen, ist alles andere als eine Übertreibung. Draußen sitzen- das ist in der Ortschaft nur angesagt, wenn man sich gerne in der Gesellschaft von tausenden Fliegen befindet. Am Gartentisch Kaffee und Kuchen genießen oder Grillfeste veranstalten? Nur wenn es nicht stört, dass sich Schwärme von Fliegen auf Tortenstücke und Grillgut stürzen oder in den Trinkgefäßen schwimmen.  Kochen bei offenem Fenster? Ja, wenn man vor Fliegen schwarze Decken und das große Krabbeln auf den Lebensmitteln liebt. Oder etwa Freunde oder Bekannte von auswärts einladen? Nur zu empfehlen, wenn diese von der ganz harten Sorte sind und gerne unter hunderten Fliegen weilen.

Am Gartentisch Kaffee und Kuchen genießen oder Grillfeste veranstalten? Wenn es nicht stört, dass sich Schwärme von Fliegen auf Tortenstücke und Grillgut stürzen oder in den Trinkgefäßen schwimmen- kein Problem. Wer draußen isst, braucht eigentlich drei, wenn nicht vier Hände. Würden die Fliegen auf der einen Seite verscheucht, kämen sie von der anderen Richtung angeflogen, so schilderte es Jörg Lindner im „Sachsenspiegel“. In Schönau kann man im Grunde gar nicht mehr draußen sitzen, weiß auch Tino Kögler. Der Bürgermeister der Stadt Wildenfels hat sich oft genug vor Ort ein Bild gemacht.

Ein Leben im Ausnahmezustand

Ein Leben im Ausnahmezustand. Mit handelsüblichen Fliegenfängern kommen viele Schönauer schon gar nicht mehr aus.  Sie haben sich große Exemplare besorgt, die eigentlich für Stallungen gedacht sind. In der warmen Jahreszeit sind die XXL-Fänger nach ein paar Tagen schwarz vor Fliegen.   Die Lebensqualität sinke gen null, so macht es die Einwohnerin Antje Eibisch im „Sachsenspiegel“ deutlich.

Der sächsische Ort dürfte einer der ganz wenigen sein, in dem sich die Bewohner die kalte Jahreszeit geradezu herbeisehnen. Weil sinkende Temperaturen bedeuten, dass sich auch die Anzahl der Fliegen reduziert. Doch weniger Fliegen ist nicht gleichbedeutend mit keinen Fliegen. Selbst zum Weihnachtsfest des vergangenen Jahres stellten sich die Zweiflügler als unerbetene „Gäste“ ein, wie die “Freie Presse” berichtet. „Willkommen in Fliegenburg“.

Mangelnde Geduld kann man den Schönauern nun wirklich nicht nachsagen.  Bereits mehr als ein Jahrzehnt lang müssen sie die Invasion der summenden und brummenden Insekten erdulden. So richtig schlimm sei es mit der Fliegenplage erst geworden, nachdem neben Baum- und Strauchschnitt auch Bioabfälle aus dem gesamten Landkreis Zwickau verwertet werden. Bauliche Veränderungen wie die Einhausung vorher offene Bereiche oder der Einbau neuer Rottenmodule hätten die Fliegenplage nicht spürbar eindämmen können. „Uns wurde viel versprochen“, sagt auch Bürgermeister Kögler mit Bitterkeit in der Stimme. Doch am Problem habe sich nichts geändert. Die Sorgen und Nöte der Bevölkerung seien offenbar beim Landkreis  nicht im wünschenswerten Maße angekommen.

“Alles für die Katz'”

Briefe und auch persönliche Gespräche- „alles für die Katz`“, wie es ein Schönauer formuliert. Auf mehrere Beschwerden beim Landkreis Zwickau folgte in schöner Regelmäßigkeit die sinngemäße Antwort: Wir kennen das Problem und arbeiten daran, es zu beheben. „Geschehen ist nichts“, sagt auch Busunternehmer Joram. Und er erinnert sich an sein erstes Schreiben an den Landkreis in dieser Sache aus dem Jahr 2008. Es werde alles besser werden, hieß es, und die Belästigungen würden nach baulichen Veränderungen nicht mehr auftreten. Zwölf Jahre liegt das nach Adam Riese zurück. Alle Jahre wieder gab es neue Versprechungen.  Doch sie fliegen immer noch, die Fliegen, und das ohne Unterlass und in hellen Scharen.

Das Kompostwerk, Firmierung Wertstoffzentrum Zwickauer Land GmbH- Kompostwerk Schönau, besteht in dieser Form seit 1997. Dort, wo bis kurz nach der Wende Bullen gemästet wurden, werden auf einer Fläche von zirka 25.400 Quadratmetern 25.000 Tonnen Grüngut- und Biogutabfälle im Jahr aufbereitet beziehungsweise kompostiert, Wie aus der Internetseite der Anlage hervorgeht, erfolge dies „mittels offener Mieten (Grüngut)- sowie Tunnelkompostierung (Biogut)“. Die Anlage (Adresse: Gewerbepark 3), an der nach örtlichen Angaben früher der Landkreis Zwickau beteiligt war, gehört laut Handelsregister heute zu 100 Prozent der REMONDIS GmbH & Co. KG in Kloster Lehnin, Ortsteil Prützke.

Betreiber wäscht Hände in Unschuld

Der Betreiber wäscht seine Hände in Unschuld. „Als Ursache des Problems sehen wir die Kompostierungsanlage nicht“, teilt die REMONDIS Asset & Services GmbH & Co. KG in einem Schreiben mit, in das EM Einblick nehmen konnte. Mit der Anmerkung, ein Fliegenaufkommen könne zahlreiche Ursachen haben, verweist das Unternehmen auf Kuhweiden, Pferdekoppeln, Schweine- und Hühnerhaltungen im näheren Umfeld des Ortes sowie eine Glascontainerinsel im Ortskern.

Matthias Joram kann das nicht gelten lassen. Eine Reihe der genannten Anlagen, beispielsweise die Pferdekoppel, gebe es schon gar nicht mehr. Schweine- und Hühnerhaltungen seien ihm nicht bekannt. Und eine Glassammelstelle mit einer Fliegenplage dieses Ausmaßes in Verbindung zu bringen, das erscheine vorsichtig formuliert gewagt.

Kontra vom Bürgermeister

Kontra gibt auch Tino Kögler, der parteilose Bürgermeister der Stadt. Er spricht gegenüber EM ein klares Wort und macht das Kompostwerk für die Fliegenplage verantwortlich. Ein renommierter Wissenschaftler, den er zwecks Stellungnahme nach Schönau holte, sei ebenfalls dieser Meinung gewesen, „Ich stehe hinter den Bürgern, die an der Fliegenplage leiden“, sagt Tino Kögler.

Stein des Anstoßes: Das Kompostwerk in Schönau, Foto: Andreas Wohland /Freie Presse

Sorgen macht Tino Kögler und den Schönauer Einwohnern, dass eine vollständige Umstrukturierung des Kompostierwerkes geplant ist. Keiner weiß genau, was da konkret passieren soll. Auch bei der Antragskonferenz wurden keine Einzelheiten bekannt. Nach örtlichen Angaben soll jedoch die Anlage noch erweitert werden.

Zu einer Behördenabstimmung, einer sogenannten Antragskonferenz, war jüngst auch Bürgermeister Kögler eingeladen worden. Sozusagen ehrenhalber. „Wir dürfen eine Stellungnahme abgegeben mehr nicht“, berichtet das Stadtoberhaupt. Die Antragsteller erschienen nach EM-Informationen in Begleitung eines Rechtsanwalts, der dem Stadtoberhaupt von Wildenfels bedeutete,  er sehe die ganze Sache zu politisch.

Vielleicht meinte der Jurist damit die Ankündigung des Bürgermeisters, er werde das gemeindliche Einvernehmen für die Erweiterungspläne nicht herzustellen. Kögler weiß als gestandenes Stadtoberhaupt natürlich, dass er damit laut Baurecht das Projekt nicht verhindern kann. Umso mehr bedauert er, dass es für die betroffene Stadt und den massiv belasteten Ortsteil im Grunde gar kein Mitspracherecht gebe.

Schönauer rüsten juristisch auf

Aber auch die Schönauer werden juristisch aufrüsten, wie Matthias Joram gegenüber EM erklärte. Er werde einen Anwalt damit beauftragen, den Fall Schönau aus fachlicher Sicht zu überprüfen. Weil- wie viele Bürger glauben-  kein Gesetz der Welt eine langjährige Fliegenplage legitimieren kann.

Nicht so gelaufen, wie es sein sollte, ist zumindest ein anderer Sachverhalt. Kürzlich erhielt die Betreiberfirma Wertstoffzentrum Zwickauer Land GmbH vom Landratsamt eine Rechnung. Aufgrund „eines fehlenden Konzeptes“ wurde ein Zwangsgeld in Höhe von 1.000 Euro festgesetzt. “Der Betrag wurde beglichen“, teilt Landkreissprecherin Ilona Schilk auf EM-Anfrage mit. Wegen der aktuellen Umstrukturierungspläne werde von weiteren Zwangsgeldern  abgesehen.

Win-Win und die Verlierer

Zweifellos: Es gibt eine Win-Win-Situation in Schönau. Aber sie gilt nicht für alle. Auf der einen Seite ist die Kompostanlage ein gutes Geschäft. Und auch für den Landkreis, dessen Bioabfälle verwertet werden,  ist sie eine optimale Lösung. Doch auf dem  Siegertreppchen sucht man die  Schönauer vergebens. Sie sind die Verlierer im Win-Win-Monopoly.  Das gilt auch im finanziellen Sinn, denn aus dem Steueraufkommen kommt nach Angaben von Bürgermeister Kögler nichts Wesentliches in Wildenfels und dem Ortsteil  an.

Es gärt nicht nur in dem Kompostwerk, es gärt auch sinnbildlich in Schönau, Die Fliegeninvasion von Schönau- das letzte Kapital ist noch nicht aufgeschlagen.

K H Glitza

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