Schwierige Lage: Hersteller von Kunststoffprodukten schlagen Alarm

Schwierige Lage: Hersteller von Kunststoffprodukten schlagen Alarm

150 150 Klaus Henning Glitza

Gesamtverband beklagt massive Störungen der Rohstoff-Lieferkette und flächendeckende Preisexplosion

 

Die Hersteller von Kunststoffprodukten schlagen angesichts der anhaltenden Rohstoffverknappung Alarm. Die Rohstoff-Lieferkette sei gegenwärtig massiv gestört, heißt es in einer aktuellen Erklärung des Gesamtverbandes der Kunststoff-verarbeitenden Industrie e.V. (GKV). Eine flächendeckende  Preisexplosion bei Kunststoffen setzten die überwiegend mittelständischen Verarbeiter zusätzlich unter massiven Druck, wird betont.

Ausbleibende Kunststofflieferungen hätten bereits zu Einschränkungen der Produktion -und Lieferfähigkeit geführt, schildert  die Spitzenorganisation der deutschen Kunststoff-verarbeitenden Industrie die derzeitige Situation.  Betroffen seien alle Produktionsbereiche und  alle Kunststofftypen angefangen von den Standard-Kunststoffen wie PP, PE und PVC, über die Technischen Kunststoffe wie ABS, PC und PA bis hin zu den Hochleistungskunststoffen wie PVDF und PTFE.

Zwar arbeiteten die Hersteller von Kunststoffprodukten nach GKV-Angaben auch unter wirtschaftlichem Druck beharrlich daran, die sich daraus ergebenen Risiken für ihre Kunden zu minimieren.  Es sei ist aber nicht nur die Preisentwicklung, die die Unternehmen vor eine große Herausforderung stelle, es fehlten schlicht auch die Mengen. Gewünschte Rohstoffe, die durch die wieder steigende Nachfrage notwendig wären, ständen ebenfalls nicht in dem Maße zur Verfügung und dämpften somit die Rückkehr auf den Wachstumspfad der Branche.

Preisspirale dreht sich

Die Preise für Standard-Kunststoffe sind laut GKV  im ersten Quartal 2021 in Europa durchweg stark gestiegen. So habe sich der für Verpackungen wichtige Rohstoff Polyethylen (PE-LD) bis Mitte März um mehr als 35 Prozent verteuert. Ähnliche Zahlen werden für PE-HD, PE-LLD und PP gemeldet.

Bei Polystyrol (PS) beziehungsweise expandiertem Polystyrol (EPS) sei die Lage ebenso dramatisch: Die Preise sind allein im März um 30 Prozent gestiegen und beim S-PVC war ein Preisanstieg von 61 Prozent innerhalb der letzten zehn Monate zu verzeichnen. Bei PUR liege die Preissteigerung um 50 Prozent in den letzten sechs Monaten. Auch die Technischen Kunststoffe seien von starken Preisanstiegen betroffen – der Preisindex Plastixx TT stieg allein im Februar um über zehn Prozent   im Vergleich zum Vormonat. Vor allem bei den für die Automobil- und Elektroindustrie wichtigen Materialien PA 6 und PA 6.6 würden dreistellige Aufschläge erwartet.

Der GKV: „Der für Gehäuse von Elektrogeräten und medizinisches Inventar wichtige Rohstoff ABS ist in den letzten sechs Monaten um 35 Prozent teurer geworden. Ähnlich verhält sich die Situation auch bei den Hochleistungskunststoffen wie PVDF und PTFE.

Petrochemische Ausgangsstoffe

Auch die petrochemischen Ausgangsstoffe für die Kunststoffherstellung seien teurer geworden, allerdings teils deutlich geringer als die daraus gefertigten Kunststoffe. So stiegen beispielsweise im ersten Quartal die Kosten für Ethylen, dem Ausgangsstoff für Polyethylen, um 17 Prozent.  Für Propylen, dem Ausgangsstoff für Polypropylen liegt der Preisanstieg bei 21 Prozent,  Die Aufschläge auf Polyolefine erreichen nominal teils mehr als das Dreifache der Preissteigerung der Vorprodukte. Der für ABS und Polystyrol/EPS wichtige Ausgangsstoff Styrol hat sich allein im März um 48 Prozent verteuert.“

Chaos im Frachtgeschäft

Hinzu kamen laut GKV  teils chaotischen Situationen im Frachtgeschäft. Grund ist die nach Einbruch des Welthandels zu Beginn der Covid-19-Pandemie  im 4. Quartal 2020 wieder sprunghaft  angestiegene Nachfrage bei knappem Angebot  Auf der Strecke Asien-Europa habe das seit Ende 2020  die Containerpreise Preise um mehr als 400 Prozentansteigen lassen. Allein das verteuere auch Kunststoffe im Schnitt um 200 €/Tonne. In jüngster Zeit scheint sich die Lage allerdings zu stabilisieren. Damit könne zumindest im Bereich der Frachtkosten auf eine mittelfristige Entspannung gehofft werden.  Weiterhin fehle aber der Frachtraum der Passagierflieger.

Sekundärrohstoffe nur begrenzt einsetzbar

In dieser Situation ist das  Ausweichen auf Recyclingmaterialien nur begrenzt möglich. „Für viele Anwendungen verhindern gesetzliche Sicherheitsvorschriften, technische Hürden und hohe Qualitätsanforderungen derzeit einen breiteren Einsatz von Rezyklaten“, so der GKV,  Auch seien Rezyklate vielfach noch nicht in ausreichenden Mengen in gleichbleibender Qualität verfügbar. Dort, wo Rezyklate etabliert seien, stiegen die Preise parallel zur Neuware deutlich – und dass bei sinkender Verfügbarkeit.

Gründe für die schwierige Lage

Die Gründe für die schwierige Lage der Kunststoffverarbeiter seien vielfältig, macht der GKV deutlich.  Die Covid-19-Pandemie habe  weltweit zu einem Ungleichgewicht von Nachfrage und Angebot von Kunststoffprodukten geführt. Dadurch, dass Asien, speziell China, bereits in der zweiten Jahreshälfte 2020 auf den Wachstumspfad zurückgekehrt ist, sei die Nachfrage nach Rohstoffen dort früher gestiegen als in Europa oder den USA. Viele Rohstoffe aus dem Mittleren Osten und den USA „wurden und werden nach Asien umgelenkt und fehlen daher in Europa“. Verschärft worden sei die Situation Anfang des Jahres durch Anlagenausfälle in den USA infolge des Wintereinbruchs, geplante Wartungsarbeiten in europäischen Anlagen sowie Force-Majeure-Meldungen der Kunststoff-Hersteller.

Der GKV: „Ein Ende der angespannten Rohstoffsituation ist vorerst nicht in Sicht – Experten rechnen mit einer Erholung erst im Herbst 2021.“

Zum GKV

Der Dachverband GKV Dachverband (Geschäftsführerin Julia Große-Wilde) bündelt und vertritt die gemeinsamen Interessen seiner Trägerverbände und agiert nach Eigenangaben dabei als Sprachrohr gegenüber Politik und Öffentlichkeit. Die Kunststoff-verarbeitende Industrie ist mit einem Jahresumsatz von 61,5 Milliarden Euro und 322.000 Beschäftigten in 3.037 Betrieben einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige in Deutschland. Kunststoffe werden zu Verpackungen, Baubedarfsartikeln, technischen Teilen, Halbzeugen, Konsumwaren und vielen anderen Produkten verarbeitet.

JGW/rd

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