Professor Justus Haucap zum REMONDIS-Spitzenplatz: “Große Überraschung war das nicht“

Professor Justus Haucap zum REMONDIS-Spitzenplatz: “Große Überraschung war das nicht“

Professor Justus Haucap zum REMONDIS-Spitzenplatz: “Große Überraschung war das nicht“ 150 150 Klaus Henning Glitza

 Aktuelles EM-Interview mit einem der führenden deutschen Ökonomen und ehemaligen Chef der Monopolkommission

 

 

Seine Expertise ist bei Zusammenschlüssen und Kartellrechtsverfahren gefragt: Professor Dr. Justus Haucap. Foto: HHU

Eine große Überraschung sei die Platzierung von REMONDIS als Nummer 3 der deutschen Firmeneinkäufer nicht gewesen, sagt Professor Dr. Haucap im EM-Interview.

Der Lehrstuhlinhaber ist ein führender deutscher Wirtschaftswissenschaftler. Von 2006 bis 2014 war er Mitglied der Monopolkommission, davon vier Jahre als Vorsitzender. EM interessierte, wie der heutige Direktor des Duesseldorf Institute for Competition Economics (DICE) der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf das jüngste aktuelle Hauptgutachten der Monopolkommission, in dem REMONDIS zu den „Top 3“  unter den deutschen Zukäufern gezählt wird.

EM: Herr Professor Dr. Haucap, Sie waren nicht nur Mitglied und Vorsitzender der Monopolkommission, sondern im vergangenen Jahr auch Gutachter in Sachen „Elefantenhochzeit“. Was sagen Sie zu dem „Spitzenplatz“ von REMONDIS, wie er im aktuellen Bericht der Monopolkommission beschrieben wird?

Professor Dr. Haucap: Eine große Überraschung war das im Grunde nicht. Schon seit längerer Zeit sind in der Entsorgungswirtschaft die zahlreichen Unternehmensübernahmen durch Remondis zu beobachten.  Dabei hatten einige der Zukäufe so geringe Größen und Umsätze, dass sie unter dem Radar des Bundeskartellamtes blieben. Mit anderen Worten: Die Übernahme dieser Unternehmen wurde erst gar nicht kartellrechtlich geprüft.  Gerade bei dem erkennbaren Bemühen, sich eine komplette Wertschöpfungskette zusammenzukaufen, zählen aber auch kleine Schritte.

EM: Weil zehnmal “1“ genauso „10“ ergibt wie einmal „10“. Das Bundeskartellamt kritisiert deshalb ja auch die derzeitige so genannte Aufgreifschwelle, mit denen Kettenaufkäufe von KMU entgegengewirkt werden soll. Bezeichnender Weise trägt dieses neue fusionsrechtliche Instrument den amtsinternen Namen „REMONDIS-Klausel“. Ein Zufall?

Professor Dr. Haucap: Sicherlich nicht. Remondis hat die derzeit noch bestehende Lücke im Kartellrecht aus meiner Sicht im Sinne einer „Salami-Taktik“ genutzt. Auch auf Wunsch des Kartellamtes sollte deshalb das Kartellrecht verschärft werden, um das bewusste Unterlaufen der Aufgreifschwellen zu verhindern. Noch liegt der Kabinettsentwurf für die Kartellrechtsnovelle nicht vor, aber es scheint sich abzuzeichnen, dass diese Verschärfung entfallen könnte.

EM: Bleiben wir noch kurz bei den kleinen Entsorgungsunternehmen. Viele geben auf, andere verkaufen, weitere kommen gerade mal so eben zurecht. Ist es allein REMONDIS, der diesen Firmen das Leben schwer macht?

Professor Dr. Haucap: REMONDIS trägt ganz offenkundig durch Marktmacht und Größe zu dieser ungünstigen Situation bei. Aber es ist nicht REMONDIS allein. Man kann durchaus von einer Gemengelage sprechen. Auch der zunehmende Trend zur Rekommunalisierung spielt eine große Rolle. Wenn Gemeinden und Städte vieles oder alles wieder selbst machen, bleibt immer weniger Platz für privatwirtschaftliche Marktteilnehmer.

EM: Herr Professor Haucap, herzlichen Dank für das Gespräch.

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Interview: K H Glitza

 

 

Zur Person

Professor Dr. Justus Haucap, 1969 in Quakenbrück (westliches Niedersachsen ) geboren, promovierte nach dem Studium der Volkswirtschaftslehre in Saarbrücken und den USA an der Universität des Saarlandes. Es folgten berufliche Stationen an der University of California (Berkeley, USA), der New Zealand Treasury in Wellington (Neuseeland) und der Universität der Bundeswehr in Hamburg, wo sich Haucap 2003 auch habilitierte.

Vor seinem Ruf an die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (dort seit 8/2009) hatte Haucap Lehrstühle an der Ruhr-Universität Bochum (2003-2007) und der Friedrich Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (2007-2009) inne.

Professor Haucap leitet die Arbeitsgruppe Wettbewerb im Verein für Socialpolitik, er ist stellvertretender Vorsitzender des Wissenschaftlichen Arbeitskreises für Regulierungsfragen (WAR) der Bundesnetzagentur, Mitglied im Kronberger Kreis (dem wissenschaftlichen Beirat der Stiftung Marktwirtschaft), im Kuratorium der Fazit-Stiftung, im Scientific Council der Brüsseler Denkfabrik Bruegel sowie in zahlreichen weiteren Beiräten.

Des Weiteren ist Professor Haucap unter anderem federführender Herausgeber des List Forum für Wirtschafts- und Finanzpolitik sowie Mitherausgeber von Wirtschaft und Wettbewerb und Mitglied im Editorial Board von Telecommunications Policy. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Wettbewerbsökonomie und der digitalen Wirtschaft sowie der Regulierung netzbasierter Industrien wie Telekommunikation, Elektrizität und Verkehr.

Professor Haucaps Expertise war bei zahlreichen Zusammenschlüssen (zum Beispiel Edeka/Tengelmann, VTG/CIT, EnBW/MVV) und Marktmachtmissbrauchsverfahren gefragt.

KH/rd

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