Papiertüten statt Plastik- doch ist das wirklich ein Segen für die Umwelt?

Papiertüten statt Plastik- doch ist das wirklich ein Segen für die Umwelt?

Papiertüten statt Plastik- doch ist das wirklich ein Segen für die Umwelt? 150 150 Klaus Henning Glitza

Von einer scheinbaren Alternative, die das „Original“ im negativen Sinne noch übertrifft

 

Papiertüten haben in vielen Einkaufsläden die Plastikbeutel abgelöst. Aus ökologischem Verantwortungsbewusstsein, wie oftmals betont wird. Doch sind die Tüten aus Papier wirklich ein Segen für die Umwelt?

Voller Stolz gehen so manche umweltbewusste Kunden aus den Einzelhandelsgeschäften. Denn die eingekaufte Ware befindet sich nicht im zu Recht vielgeschmähten Plastikbeutel aus Polyäthylen, sondern in einer Papiertüte. Papier, zudem ungebleicht und gewonnen aus dem nachwachsenden Rohstoff Holz- was kann daran verkehrt sein? Ein Stoff, der sich im Gegensatz zum praktisch unverrottbaren Kunststoff relativ schnell zersetzt. Und sich wunderbar recyceln lässt. Papiertonne auf- und ab geht es in die Kreislaufwirtschaft. Papiertüten fühlen sich außerdem deutlich natürlicher an als das glatte und glänzende Kunstprodukt Plastik. Papier, ein Stoff, der viele Umweltprobleme löst? Ein Wundermittel der besonderen Art?  Das alles wäre zu schön. Zu schön, um zu wahr zu sein.

Denn die Tatsachen sprechen leider eine ganz andere Sprache.  Faktum ist: Papiertüten lösen keine Probleme, sondern sie schaffen und verstärken Probleme an anderer Stelle. Im Gegensatz zu Plastiktüten belasten sie zwar nicht direkt die Weltmeere. Und sie verschmutzen auch nicht als kaum kompostierbarer Dauermüll unsere Natur. Aber das bedeutet keinesfalls, dass ihre Ökobilanz umweltfreundlich ausfällt. Papiertüten verbrauchen zwar kein Erdöl- abgesehen von der Farbe der Aufdrucke, die oftmals Ölderivate enthält. Doch was die Herstellung betrifft, wäre der Begriff Ökologie völlig fehl am Platze. Das fängt beim Energieverbrauch an. „Für die Herstellung von einer Tonne Papier ist genauso viel Energie notwendig wie für die Herstellung einer Tonne Stahl“, erläuterte Thomas Fischer, Leiter des Bereichs Kreislaufwirtschaft der Deutschen Umwelthilfe (DUH) unlängst im Deutschlandfunk.

Nach seinen Worten ist die Papiertüte, was die Ressourcen- und Energieverbrauchswerte angeht, sogar schlechter als eine normale Plastiktüte. Um die Reißfestigkeit zu gewährleisten, ist ein weitaus höherer Materialeinsatz, zirka dreimal so viel, vonnöten. Auch die Energiebilanz sieht denkbar düster aus: Bei der Produktion der Papiertaschen wird fast doppelt so viel Energie verbraucht wie für die Plastiktüten. Und geradezu gigantisch ist der Wasserverbrauch: 17-mal mehr dieser kostbaren Ressource wird im Vergleich mit der Plastiktütenproduktion verbraucht- und belastet.

Umweltfreundlich und wunderbar recycelbar. Aber sind Papiertüten deshalb besser als die alten Plastikbeutel? Wohl kaum, denn die Ökobilanz geht deutlich ins Negative. Foto: Stephanie Hofschlaeger/pixelio.de

Von reiner Natur kann auch an anderer Stelle nicht gerade die Rede sein. Denn für die Herstellung der Papiertüten kommt eine Menge Chemie zum Einsatz. Unter anderem Natronlauge, Sulfite und Sulfate. Auch diese Stoffe gelangen in die Umwelt. Mehr oder minder- und trotz aller Filter.

Neu sind diese Erkenntnisse keinesfalls. Bereits 1988 stellte das Umweltbundesamt Papier und Plastik gegenüber und urteilte: „Der Wechsel von Polyethylen- zu Papiertragetaschen ist aus ökologischen Gründen nicht sinnvoll“.

Diese Nachteile könnten ausgeglichen werden, wenn die Papiertüten mehrfach verwendet würden. Doch genau da liegt der Hase im Pfeffer. Einkaufstaschen aus Papier haben dank „Kraftpapier“ zwar eine relativ gute Reißfestigkeit, aber selbst geringste Feuchtigkeit führt zur Instabilität. Schon ein paar Regentropfen, die in diesem Sommer keinesfalls rar waren, lösen die Struktur praktisch auf. Das gilt ebenso für Waren mit Eigenfeuchtigkeit wie Gemüse oder flüssige/cremige oder gekühlte Produkte. Die Folge ist, dass kaum eine Papiertasche mehrfach verwendet wird.

Tragetaschen aus Baumwolle sind ebenso wenig der Weisheit letzter Schluss. Wie die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich feststelle, sind die Emissionswerte bei deren Herstellung enorm. Bei der Produktion einer Papiertüte werden etwa 60 Gramm Kohlendioxid freigesetzt werden, sind es bei einer Baumwolltasche sage und schreibe 1.700 Gramm. Hinzu kommt der zum Teil enorme Pestizideinsatz beim Anbau des Rohstoffes. Auch der Jute-Beutel kann unter diesen Gesichtspunkten ökobilanziell nicht wirklich überzeugen. Es sei denn als Statussymbol für Menschen mit ausgeprägtem Umweltbewusstsein, die das gerne auch nach außen zeigen.

Kaum zu glauben, aber wahr:  Mehrfach-Kunststofftaschen aus Polyester haben tatsächlich die beste Ökobilanz, sofern sie mindestens 32-mal verwendet werden. Angesichts der hohen Haltbarkeit dieser „Einkaufshelfer“ sollte dies bei normaler Beanspruchung kein Problem sein. Positiv: Die Mehrweg-Taschen bestehen zudem überwiegend aus Recycling-Material.

Ungeschlagener Favorit sind die aber nicht. Die gute alte Einkaufstasche ist zwar aus der Mode gekommen und gilt heute als Oma-Accessoire. Aber sie ist nach wie vor ein Musterbeispiel für den verantwortungsbewussten Umgang mit Umwelt und Ressourcen.

Wohlgemerkt: Es ist ein großer Fortschritt, dass die Plastiktüten mehr und mehr aus den Märkten verschwinden. Aber eine scheinbare Alternative, die ebenso fragwürdig ist wie das „Original“, braucht kein Mensch.

 

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