Mülltrennung: Mit Logik hat das wenig zu tun

Mülltrennung: Mit Logik hat das wenig zu tun

150 150 Klaus Henning Glitza

Weshalb Alufolien aus Verpackungen in die Sammelbehälter dürfen, aber Alufolie von der Rolle nicht

 

Wiederverwertungsbetriebe schlagen Alarm. Bis zu 60 Prozent der Stoffe, die in den gelben Säcken oder Tonnen landen, können nicht wiederverwertet werden. Das liegt unter anderem an einem in großen Teilen völlig unverständlichem „Trennungsgebot“. So dürfen Alufolien oder -schalen aus der Verpackung in die gelben Sammelbehälter, Alufolie von der Rolle aber nicht. Mit Logik hat dies wenig zu tun.

Einsam steht ein gelber Sack am Straßenrand. Das Müllfahrzeug ist gerade durchgefahren, doch gerade jener gelbe Sammelbehälter wurde nicht aufgeladen.  Der Grund: Statt Leichtverpackungen befanden sich ausgediente Haushaltsgegenstände aus Kunststoff und Metall im großformatigen Beutel. Doch alte Pfannen, ausgediente Plastikschüsseln oder Kleiderbügel zählen nicht zu den Gegenständen, die in den Gelben Sack beziehungsweise die Gelbe Tonne dürfen.

Leerung von Gelben Tonnen in Düsseldorf. Foto: Awista.

Wieso das? Da es um Wiederverwertung, Recycling geht, müssten sich die Abfuhrbetriebe doch eigentlich darüber freuen, dass sich nicht nur dünnwandige Plastikbecher und Folien im Sammelbehälter befinden. Sondern größere Artikel mit höherem Kunststoffanteil. Leider ein Denkfehler. Denn die dualen Systeme, die hinter dem gelben Sack stehen, werden von der Konsumgüterindustrie und dem Handel finanziert. Also von jenen Unternehmen, die Verpackungen verwenden, um ihre Ware zu schützen und/oder um sie besser an dem Mann beziehungsweise die Frau zu bringen. Was keine Verpackung ist, gehört aus diesem kühlen Grund nicht in gelbe Säcke oder Tonnen. Und sei es noch so werthaltig. „Stoffgleiche Nichtverpackungen“, so der Fachbegriff, müssen außen vor bleiben.

Diese Mülltrennung der ganz besonderen Art führt allerdings zu seltsamen Auswüchsen. Blumentöpfe aus Plastik-nein. Die Folie von Schnittblumen- ja.  Die leere Verpackung von der WC-Ente ist willkommen in den gelben Sammelbehältern, das Quietscheentchen dagegen nicht. Die Neue Presse Hannover wählte das bezeichnende Beispiel der Alufolie von der Rolle, die in die Restmülltonne geworfen werden muss. Obwohl „stoffgleich“. Sie wird verbrannt. Obwohl hervorragend wiederverwertbar.

Ein noch eigenwilligeres Beispiel nanntet Prof. Dr. Stefan Gaeth von der Justus-Liebig-Universität Gießen. Die Folie, die einen Strohhalm schützt, darf in den Wertabfallbehälter, der Strohhalm selbst aber nicht. Das eine ist Verpackung, das andere Ware. Dabei besteht beides aus denselben oder sehr ähnlichen recycelbaren Grundstoffen.

Mit einfacher Logik kommt bei dieser Art der Wertstoffabfuhr niemand weiter. Eher mit Finanzfragen, die im Hintergrund ablaufen So genannte Fehlwürfe, also Einwürfe von „falschem Müll“, sind quasi blinde Passagiere der dualen Systeme. Sie reisen gewissermaßen mit, ohne bezahlt zu haben. Genauso ist es im Grunde, wenn Leichtverpackungen in der schwarzen Tonne landen, für die die Kommunen zuständig sind.

Da stellt sich zurecht die Frage: Wer soll solche feinen, geradezu haarspalterischen Unterschiede noch auseinanderhalten? Abgesehen von einem Anteil von Personen, die bewusst falsche Dinge in die gelben Behälter werfen, handeln die allermeisten Bürger in bester Absicht. Dies hat den Begriff der „intelligenten Fehlwürfe“ geprägt. Wer stoffgleiche Nichtverpackungen den gelben Sammelbehältern zuführt, hat vorher überlegt. Nämlich, dass diese genauso, wenn nicht besser wiederverwertbar sind wie dünne Joghurtbecher. Doch, wie schon beschrieben, mit Logik kommt niemand bei der derzeitigen Abfuhrpraxis zum Ziel.

Schon häufen sich die Forderungen, dass Wertmüll nicht zur Wissenschaft werden darf, für die man- überspitzt formuliert-  studiert haben muss. Den zweifellos guten Absichten der überwiegenden Mehrzahl der Bürger steht ein Wirrwarr von wenig nachvollziehbaren Bestimmungen entgegen, die niemand versteht.

Deshalb gab es einen sinnvollen Vorstoß: die bundeseinheitliche Gelbe Tonne plus. Ein Sammelbehälter für alles, was Wertstoff ist. Letzten Endes blieb es aber beim Vorstoß. Zu viele Widerstände verhinderten die Verwirklichung.

Dabei war die Grundidee der Gelben Tonne plus gut:  Alle Arten von Metallen und Kunststoffen dürfen hinein. Selbst die besonderen werthaltigen Elektrokleingeräte (in ihnen befinden sich oft Edelmetalle, insbesondere Metalle der seltenen Erden) sind kein No-Go mehr. Hineingeworfen werden können Blumentöpfe aus Plastik und nicht nur die Folie von Schnittblumen. Zwischen Alufolien als Verpackungsrest und Alufolie von der Rolle wird nicht mehr spitzfindig unterschieden. Recycling statt Verbrennung, Rohstoffe zurückgewinnen statt sie durch den Schornstein zu jagen- so funktioniert wirkliche Ökologie.

Die Gelbe Tonne plus- ein Modell, bei dem sogar Kosten gespart werden können. Mehr Wertstoffe- weniger Restmüll, da wäre es denkbar, dass zusätzliche graue Tonnen abbestellt oder kleinere Tonnen geordert werden. Haushalte, die eh nur eine Tonne der untersten Behältergröße haben, sparen zwar erst einmal nichts. Sie könnten aber von allgemein sinkenden Abfallgebühren profitieren. Oder durch faire Satzungsänderungen entlastet werden.

Die Abfallgebühren könnten sinken, weil konsequentes Recycling deutlich kostengünstiger ist, als die so genannte thermische Verwertung. Verbrennen der Abfälle und Wertstoffe ist im Gegensatz zu gängigen Auffassungen nie der billigste Weg. Allein die zu Recht bestehenden Umweltauflagen machen diese Art der Abfallbehandlung zur kostspieligen Angelegenheit. Konsequentes Recycling kann dagegen bis zu 30 Prozent günstiger sein. Der mögliche Spareffekt wird nach seriösen Berechnungen auf bundesweit bis zu einer halben Milliarde Euro im Jahr taxiert. Das wäre doch mal ein Wort.

Doch gegen die bundesweite Einführung der Plustonnen formierten sich mächtige Widerstände. Umweltministerin Barbara Hendricks, die sich für die Wertstofftonne eingesetzt hatte, schlug der raue Wind anderer Ministerien entgegen. Auch die stets nach Zusatzeinnahmen trachtenden Städte und Gemeinden gingen in Opposition. Sie hatten längst erkannt, dass Abfall auch finanzielle Ressourcen beinhaltet, besonders im Wertstoffbereich. Deshalb wollten die Kommunen etwas vom großen Kuchen abhaben. Oder sogar den kompletten Kuchen vereinnahmen. Forderungen wie das Verbot des Dualen Systems Deutschland und die „Rückverlagerung der Verantwortung für die Erfassung von Verpackungsabfällen auf die Kommunen“ wurden ernsthaft erhoben.  Da war der Zwist mit den privaten Entsorgern vorprogrammiert. „Rosinenpickerei“ sagten die einen, „Futterneid“ die anderen. Umweltministerin Hendricks musste wohl oder übel einen Rückzieher machen. Im neuen Verpackungsgesetz fehlt deshalb die bundesweite Verpflichtung zur Wertstofftonne, die viele erwartet hatte.

Dennoch, allen Widerständen zum Trotz, gibt es sie, die Wertstofftonne. Aber nur ein einigen wenigen Regionen und dank lokaler Initiativen. Und das nicht erst seit gestern.  Bereits 2004 wurde in Leipzig die Gelbe Tonne plus flächendeckend eingeführt. 2005 folgten Teile der Bundeshauptstadt Berlin. In Hamburg wurde 2006 in zunächst drei Stadtteilen nachgezogen. Offenbar ein Erfolgsmodell, denn die testweise begonnene erweiterte Wertstoffentsorgung hat bis heute Bestand. Sie ist zum festen Bestandteil der Entsorgung geworden.  Die Anbieter, die ALBA Unternehmensgruppe und die Stadtreinigung Hamburg, berichten durchweg von positiven Erfahrungen. Die Anzahl der Fehlwürfe ging deutlich zurück, da die Wertstoffentsorgung etwas Logisches bekam. Vorgaben, die die Menschen verstehen, werden einfach besser eingehalten.

Ganz abgesehen von den positiven Effekten auf den Klimaschutz. Denn mehr Recycling bedeutet erheblich weniger Belastung durch Treibhausgase.

Die Wertstofftonne beziehungsweise Gelbe Tonne plus bekam Vorbildcharakter. Andere Bereiche, wie unter anderem Braunschweig, Duisburg und der Landkreis Unna, schlossen sich an. Dennoch, und das wiederum scheint unverständlich, ist eine bundesweite Einführung der Wertstofftonne nicht in Sicht. Sondern eher in weite Ferne gerückt.

Gerhard Kotschik. Mitarbeiter des Umweltbundesamtes im Fachgebiet III 1.6 Produktverantwortung. Foto: privat

Gerhard Kotschik, Verpackungsexperte des Umweltbundesamtes, bedauert diese Entwicklung. Das hochwertige Recycling von Kunststoffen sei in der Regel die umweltfreundlichste Entsorgungsart, sagt er. Einen neuen Schub erhofft sich der Fachmann von dem neuen Verpackungsgesetz. Darin ist zum Beispiel eine schrittweise Erhöhung der werkstofflichen Verwertungsquote von Kunststoffverpackungen festgeschrieben. Statt aktuell 36 Prozent sollen 62 Prozent bis 2022 erreicht werden. Das bedeutet, dass weitaus weniger Wertabfälle in den Müllverbrennungsanlagen verfeuert werden dürfen. Mehr Recycling ist dann gefordert. Ohne ein Mehr an Wertstoffen wäre das schwierig.

Das könnte auch der guten Idee von der Gelben Tonne plus letzten Endes zum Durchbruch verhelfen.

Verdientermaßen.

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