Mit Trackern dem Müll auf der Spur

Mit Trackern dem Müll auf der Spur

1024 569 Klaus Henning Glitza

Greenpeace-Recherchen zu Exporten von Plastikabfall und E-Schrott

 

„Deutscher Plastikmüll hat im Ausland nichts zu suchen“. Das ist das Credo von Greenpeace und anderen Umweltverbänden. Dennoch landen Tonnen von Kunststoff-Verpackungsabfällen in anderen Weltgegenden und Ländern, wie eine über drei Jahre laufende Greenpeace-Recherche ergab.

Nach Eigenangaben  haben  Aktivisten der internationalen Organisation mit elektronischen Ortungsmodulen (Trackern) den Weg von insgesamt 42 Plastikmüll-Transporten verfolgen können. Das Ergebnis: 15 davon  landeten im Ausland- und das wohl auch bei Firmen, die gar keine Genehmigung für die Weiterverarbeitung von Plastikabfällen besitzen.

„Wenn von unseren Stichproben schon ein Drittel im Ausland landet und darunter mehrere Fälle illegaler Exporte sind, dann ist dieses Problem noch viel größer“, sagt Jakob Kluchert vom Greenpeace-Investigativteam. „Der Export von Plastikabfällen muss gestoppt werden – und die Behörden sind in der Pflicht, dies mit strengeren Kontrollen auch durchzusetzen.“

Nicht Recycelbares in die Türkei

Eine weitere Recherche nahm illegale Plastikmüllexporte in die Türkei in den Fokus. Dabei ging es um die verbotene  Einfuhr von nicht recycelbaren Mischplastik. In den Blick der Greenpeace-Investigativabteilung geriet dabei die Firma Melor Edelmetall-Recycling im schleswig-holsteinischen Reinbek, die „in der Vergangenheit häufiger mit verdächtigen Transporten nicht recycelbaren Kunststoffe auffällig geworden“ sei.

Unternehmen widerspricht

Das Unternehmen ist dieser Darstellung entschieden entgegengetreten. „Weder beim Fachdienst Abfall im Kreis Stormarn noch bei der Gewerbeaufsicht der Stadt Reinbek fiel Melor bislang durch Gesetzesverstöße auf. Das Unternehmen gehört mit 55 Mitarbeitern eher zu den kleinen Playern der Kreislaufwirtschaft, hat sich auf das Zerlegen und Wiederverwerten von Elektroschrott und Industrieanlagen spezialisiert“, schreibt dazu das Hamburger Abendblatt. Geschäftsführer Ingo Nusseck  habe zusammen mit seinem Anwalt §auf fünf DIN-A4-Seiten die Vorwürfe Punkt für Punkt entkräftet“. Kritisiert wird von Melor auch,  dass die Aktivisten illegal auf das Betriebsgelände vorgedrungen seien.

GPS-Module in Lieferungen

Nach Greenpeace-Angaben haben Rechercheurinnen und Rechercheure  im November 2021 fünf Tracker in Lieferungen des Unternehmens verbaut. Im Juni 2022 wurden vier weitere Geräte platziert. Zwei der Tracker sind laut Greenpeace tatsächlich in der Türkei gelandet, einer davon auf dem Gelände der Firma Folyopak in Gaziantep. Die Firma gehört zur Haskan-Gruppe, die mit den Firmen Harzberg Global Invest GmbH und Harzberg Fiber Solutions auch Recycling in Deutschland betreibt. Eine erste Einschätzung von Greenpeace-Aktivisten vor Ort ergab keinen Hinweis auf illegale Aktivitäten.

Nicht erlaubter Export

Bei dem zweiten Tracker, der in einem Plastik-Mix aus Polyethylenterephthalat und Polypropylen steckte, verhält es sich allerdings anders, so Greenpeace. Als Ziel wurde die  Firma Best Plast südlich von Adana ausgemacht. „Das ist an sich bereits ein Verstoß gegen türkisches Recht: Die Einfuhr von gemischtem Plastikmüll, also unsortierten und darum kaum zu recycelnden Abfällen, ist in der Türkei verboten, der PET/PP-Mix hätte also gar nicht importiert werden dürfen“, konstatiert die Umweltorganisation.

Ohne erforderliche Lizenz

„BESTPACK PLASTİK SANAYİ VE TİCARET LİMİTED ŞİRKETİ“, so die Eintragung im Handelsregister,   besaß laut Greenpeace nicht die nötige Lizenz vom türkischen Umweltministerium für dieses Geschäft. Ein fachgerechtes Recycling sei nahezu ausgeschlossen, recherchierte ein Greenpeace-Team vor Ort.  Die Anlage von Best Pack befindet sich in einer der wichtigsten landwirtschaftlichen Gegenden der Türkei, der Curkova-Ebene.

Tracking von  E-Schrott

Tracker kamen auch bei einer weiteren  Recherche über den Verbleib ausgedienter Elektroaltgeräte (EAG) zum Einsatz. Bekanntermaßen enthält solcher Elektroschrott gefährliche Schadstoffe, zum Beispiel bromierte Flammschutzmittel. Werden solche EAG in Länder des Globalen Südens exportiert, so keine strengen Umweltstandards gelten, sind die dort lebenden Menschen gesundheitliche Folgen ausgesetzt. Derartige Exporte sind also aus gutem Grund gemäß des Basler Abkommens verboten.

Platzierung in Big Bags

Nach Hinweisen von lokalen Recycling-Anlagen-Betreibern auf Exporte von verwertbarem und zum Teil kontaminiertem Elektroschrott-Hartplastik hat Greenpeace nach Eigenanagaben im August 2020 entsprechende Transporte nachverfolgt. Fünf Trackinggeräte wurden bei drei Recyclingfirmen in sogenannten Big Bags platziert, in denen sich zerkleinerte Bruchstücke von Hartplastik befanden. Dass dieses Plastik tatsächlich mit Schadstoffen belastet war, bestätigte ein unabhängiges Labor: In allen drei der daraus entnommenen Proben befand sich Brom, das vermutlich aus bromierten Flammschutzmitteln stammt. Zwei der fünf Tracker kamen schließlich nach einer jeweils etwa sechswöchigen Reise in der Stadt Seremban und auf der malaysischen Hafeninsel Palau Indah an.

Von Reinbek nach Malaysia?

Ein ähnliches Bild zeigte sich laut Greenpeace bei einer Anschlussrecherche im folgenden Jahr: “Ein nach Malaysia zurückverfolgter Tracker begann seine Reise im Big Bag der Firma Melor Edelmetall-Recycling in Reinbek, gefüllt mit Bruchstücken aus den Abfällen von Plastikgehäusen aus Elektro- und Elektronikschrott. Diese Schrottlieferung befand sich bis zur letzten gesendeten Position im Dezember 2021 in einer Sortier- und Zerkleinerungsanlage der Firma PolyMix Plastic in Selangor, etwa 20 Kilometer außerhalb der westlichen Stadtgrenze von Kuala Lumpur. Ein Greenpeace-Recherche-Team hat die Anlage in Augenschein genommen und den besorgniserregenden Zustand auf Fotos dokumentiert.”

Die Forderung von Greenpeace: „Die Verschmutzung und Vergiftung von Böden in aller Welt durch deutschen Plastikmüll muss streng geahndet und dadurch unterbunden werden“. Die-Recherchen zeigten, „dass bestehende Gesetze ohne Skrupel gewohnheitsmäßig unterlaufen werden“.

GP/rd/EM

Oberes Bild: Laut Greenpeace geht E-Schrott unter anderem von Deutschland in die Türkei. Foto: Eirik Solheim

 

 

 

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