Lünens Ein-Euro-Offerte

Lünens Ein-Euro-Offerte

150 150 Klaus Henning Glitza

STEAG-Verkauf: REMONDIS unterbreitet Stadtwerken ein spezielles Angebot

 

 

Für einen Euro bekommt man nicht viel.  Ein paar Dauerlutscher, einen Müsli-Riegel  oder eine Tafel Schokolade im Sonderangebot. Oder ein Riesenunternehmen mit einem gigantischen Immobilienbestand  und florierenden Geschäften im Ausland.  Die Rede ist vom Essener Energiekonzern  STEAG AG.

REMONDIS, wie stets an Schnäppchen interessiert, hat das Ein-Euro-Angebot in den Raum gestellt. Hinter verschlossenen Türen wird derzeit emsig verhandelt oder wie Insider sagen, geschachert.

Verhandlungspartner sind die Stadtwerke, Essen, Bochum, Oberhausen, Duisburg und Dinslaken. In den Chefetagen dieser kommunalen Unternehmen gilt es als ausgemachte Sache, dass sie aus der STEAG aussteigen wollen. Bedenken herrschen insbesondere wegen des künftigen Investitionsbedarfs.  Nur die Stadtwerke Dortmund,  die ohnehin mit 36 Prozent den größten Anteil stellen, halten eisern an der Beteiligung fest.

Treibende Kraft des STEAG-Verkaufs an REMONDIS; Der Vorstandssvorsitzende der Dortmunder Stadtwerke, Guntram Pehlke. Foto: DSW21

Nachdem eine Zeit lang die verkaufsbereiten Stadtwerke mit mäßigem Erfolg versucht haben, auf eigene Faust Interessenten zu finden, wurde in der vergangenen Woche ein gemeinsamer Verkaufsprozess gestartet. Vorher ist der REMONDIS-Konzern mit seiner bekanntermaßen erfolgreichen und professionellen  Lobbyarbeit in Erscheinung getreten.

Hinter dem avisierten Kleinstgeld aus der REMONDIS-Portokasse steht allerdings ein weitaus größerer Deal. Denn der Lünener Konzern will auch die in dreistelliger Art milllionenschweren Verbindlichkeiten der Revier-Stadtwerke ausgleichen. Das bringt die Kommunalen Träger ins Frohlocken. Denn die Stadtwerker befürchten ein teures Desaster, da bei der  STEAG einer der ganz wichtigen Hauptzweige, die Verstromung von Steinkohle,  wegbricht. Denn aufgrund des Kohleausstiegs können die Kohlekraftwerke in Deutschland nur noch begrenzte Zeit weiterbetrieben werden. Allerdings gibt es bereits Alternativen wie Gaskraftwerke.

Trotz des befürchteten Desasters steht die STEAG wirtschaftlich keinesfalls schlecht da. Auch dank des boomenden Auslandsgeschäftes, beispielsweise in der Türkei und Kolumbien, erwirtschaftet die STEAG auch in den heutigen Zeiten noch Überschüsse in beträchtlicher Millionenhöhe.

Unangefochtener Favorit beim Verkaufsprozess ist REMONDIS. Wenn es überhaupt andere solvente Interessenten gebe, seien die nicht am Gesamtpaket interessiert, sondern an den lukrativen Konzernteilen, wissen Insider. Das Interesse soll aber auch ein wenig überhöht dargestellt worden sein- In einem Fall, so heißt es aus berufenem Munde, sei ein überseeischer Investmentfonds, der  vages Interesse angemeldet hätte, als ernsthafter Bieter ausgegeben worden. Ein durchsichtiges Manöver, um  die -wie immer- mit dem Faktor Zeit spielenden Remondianer unter Druck zu setzen.

In den verkaufsbereiten Stadtwerken herrscht die Erkenntnis vor, dass sich die Kommunalunternehmen mit dem STEAG-Kauf verhoben hätten. Einen multinationalen Konzern zu managen, das gehört zweifelsohne nicht unbedingt zum Tagesgeschäft der Stadtwerker. Ein Insider sagt ziemlich uncharmant: „Die können froh sein, wenn Sie ihre eigenen kommunalen Läden im Griff bekommen“

Dabei war es ausgerechnet der REMONDIS-Konzern, der die STEAG in die Arme der Kommunalen trieb. Im Jahr 2010 wollten die Lünener den Energiekonzern schon einmal kaufen. Die Chancen standen auch denkbar gut, bis REMONDIS plötzlich  das ursprüngliche Angebot erheblich reduzierte. Aus informierten Kreisen heißt es, ein hochrangiger Verhandlungspartner  habe sich zu weit aus dem Fenster gelehnt und dann auf einen ein Ukas von ganz oben hin seine Offerte revidieren müssen. Denn der Konzern wollte auch in diesem Fall ein Schnäppchen machen. Der Spezialchemiekonzern EVONIK, seines Zeichen STEAG-Verkäufer, hatte seinerzeit nachvollziehbarerweise verschnupft reagiert und die Verhandlungen mit Remondianern abgebrochen.

Statt der Lünener kam ein-Konsortium,  bestehend aus den Stadtwerken der Städte Dortmund, Essen, Bochum, Oberhausen, Duisburg und Dinslaken, für 1,2 Milliarden Euro zum Zuge. Damals galt der Energiekonzern als sichere Investition, als Garantieschein zum Renditeabholen- und die stets klammen Kommunen witterten Morgenluft.

Der mit Abstand einflussreichste Akteur in der Causa STEAG ist Guntram Pehlke. Der Diplom-Kaufmann und Oberst der Reserve  ist bekanntermaßen  nicht nur Vorstandsvorsitzender des mit 36 Prozent größten STEAG- Gesellschafters, der Stadtwerke Dortmund (DSW 21), sondern auch Aufsichtsratsvorsitzender der STEAG. Eine Doppelfunktion, die an Machtfülle kaum zu überbieten ist. Erklärtermaßen  will Pehlke am Anteil der Dortmunder Stadtwerke festhalten- gemeinsam mit einem privaten Gesellschafter. Nämlich REMONDIS, wie er in vertrauten Kreisen erklärt.

Das könnte sich durchaus lohnen. Insider wollen wissen, dass Pehlke in einem neuen Unternehmenskonstrukt, das REMONDIS nach dem geglückten STEAG-Erwerb gründen will, vom Aufsichtsrat in den Vorstand, womöglich an dessen Spitze wechseln könnte.

Der Dortmunder Stadtwerke-Oberste spielte schon seit Anbeginn der STEAG-Beteiligung eine tragende Rolle. So beispielsweise geschehen bei der Frage, ob das Stadtwerke-Konsortium, das 2010 zunächst 51 Prozent der Anteile erwarb, auch die restlichen Prozente übernehmen sollte. Als der damalige kaufmännische Geschäftsführer und Sprecher  der Stadtwerke Bochum GmbH, Bernhard Peter Wilmert , die künftigen Probleme beim Betrieb der Kohlekraftwerke vorhersah, wurde er von Pehlke mit den Worten beschwichtigt, die STEAG sei eine lohnende und sichere Investition.

Das Verwaltungsgebäude der STEAG AG in Essen. Foto: STEAG

Das sieht Pehlke ganz offensichtlich auch heute noch so- und das zu Recht.  Der aus Salzgitter stammende Manager weiß, dass REMONDIS niemals in ein Geschäft einsteigen würde,  das auch nur in der Nähe der Verlustzone läge. Und er weiß auch, dass man erfolgreiche Geschäfte nicht kurzatmig und mit nervösem Blick in die Handkasse betreiben kann.

In der Chefetage von REMONDIS gilt der Erwerb längst als vollendete Tatsache. Laut Rheinischer Post sprach der oberste Chef davon, man habe die STEAG bereits im Sack. Branchenkenner bestätigen, dass auf dem REMONDIS-Olymp absolute Siegeszuversicht herrscht. Für die Stadtwerke gebe es nur eine Möglichkeit, die STEAG zu behalten und neue Kredite für die erforderliche Umstrukturierung aufzunehmen- oder an die Lünener zu verkaufen, sei die herrschende Ansicht. Denn andere Bewerber, die auch die deutschen Arbeitsplätze erhalten, seien nicht in Sicht.

In Kreisen der Industriegewerkschaft Chemie, Bergbau, Energie (IGBCE) wird ein Zuschlag an REMONDIS nicht gerade als eine Arbeitsplatzgarantie betrachtet.  Eher wäre ein Stellenabbau, einzelne Gewerkschafter sprechen von einem „Kahlschlag“, wahrscheinlich. Gut informierte Kreisen gehen davon aus, dass die Anzahl an Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unter privatwirtschaftlicher  REMONDIS-Regie nicht gehalten werde könne- schon aus Rentabilitätsgründen. Nach aktuellen Angaben beträgt die Anzahl der STEAG-Beschäftigten 6.575.

Die große Frage bleibt, wie sich das Bundeskartellamt bei einem Erwerb durch die Lünerer positionieren würde. Energieversorgung ist zwar kein Kerngeschäft von REMONDIS, doch der Zuwachs für das Unternehmen wäre enorm und würde dessen gesamte wirtschaftliche Dominanz exponentiell steigern. Die STEAG ist jetzt schon der fünftgrößte Energieversorger Deutschlands.

Das wäre nach dem Verkauf Schnee von gestern. REMONDIS plant zusammen mit GELSENWASSER und den Dortmunder Stadtwerken  die Gründung einer Westfälischen Energie- und Wasserversorgung mit einem angepeilten Umsatz von zehn Milliarden Euro. Das würde für mehr als den fünften Platz reichen.

Nach der Entsorgungswirtschaft soll jetzt offenbar auch der Energiesektor aufgemischt werden, so sieht es ein Insider.

bm

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