Ludger Rethmanns SUEZ-Offerte: Smarter Plan oder chancenloses Angebot?

Ludger Rethmanns SUEZ-Offerte: Smarter Plan oder chancenloses Angebot?

150 150 Klaus Henning Glitza

 

EM beleuchtet die Hintergründe der Beteiligungsofensive aus Lünen / Künftig harte Konkurrenz mit VEOLIA?

 

Smarter Plan oder chancenlose Offerte? EM beleuchtet die Hintergründe des jüngsten Angebots des obersten REMONDIS-Chefs Ludger Rethmann, bis zu 40 Prozent des „neuen SUEZ“ zu übernehmen.

In französischen Medien und der Öffentlichkeit wird das Thema heiß diskutiert. Wird „nouveau SUEZ“ teilweise „germanisch“?  Einzelne  Gazetten betrachten die Rethmann-Offerte als „Außenseiterangebot“. Sie sehen die bekannte Übernehmer-Triumvirat  Meridiam,  Caisse des Dépôts et des salariés und Global Infrastructure Partners (GIP) als in Beton gegossen an.    Doch ist das wirklich so?

Wenn Ludger Rethmann die Beteiligung seines Konzerns anbietet, dann mag das zunächst verwirrend erscheinen.  Denn noch vor kurzem hatte es eine Art von Ergebenheitsadresse an VEOLIA gegeben. Deren Plan, SUEZ komplett zu übernehmen, wurde  ausdrücklich begrüßt.   Doch die jüngste Offerte, sich am neuen SUEZ mit bis zu 40 Prozent zu beteiligen, bedeutet de facto, sich in Konkurrenz zu VEOLIA zu begeben. Eine Konkurrenz, wie sie härter nicht denkbar ist.

Der “Rest” von SUEZ- ein Megakonzern

Denn auch der „Rest“ von SUEZ besteht nicht etwa aus Brosamen, die vom großen Fusionstisch fallen. Vielmehr handelt es sich um einen Konzern von eindrucksvoller Größe. Ein Gebilde mit zirka 45.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern- mehr als REMONDIS global auf seiner Personalliste  hat. Sieben Milliarden Umsatz sind angepeilt. Und die können nie und nimmer erzielt wird, wenn man nett zu VEOLIA, dem Erz-Widersacher, dem ewigen Rivalen, ist. Vielmehr muss „nouveau SUEZ“  kräftig wachsen, um die derzeitige kritische Größe zu überwinden.  Wachstum, das vor allem VEOLIA abgerungen werden muss.

Friede, Freude, Einigkeit; das demonstrierte Ludger Rethmann (links im Bild) bei der Vertragsunterzeichnung mit dem Deutsche-Bahn-ähnlichen französischen Verkehrsunternehmen Transdev, Inzwischen sind maßgebliche Positionen dieser Gruppe mit Vertrauten besetzt. Eine Blaupause für nouveau Suez? Foto: Transdev/RETHMANN Gruppe

Es liegt nahe, dass Ludger Rethmann das sehr wohl weiß. Denn eines ist er mit Sicherheit: ein Stratege. Manche sagen gar: einer der ganz wenigen Strategen der Branche, Jemand, der mit Nachdruck, Nachhaltigkeit und einem gerüttelt Maß an Intelligenz seine Ziele verfolgt. Der Unternehmensname scheint Programm: RE steht für Rethmann, das lateinische MONDIS für die Welt. Ob es stimmt, dass der oberste Chef des größten deutschen Entsorgers gar die unternehmerische „Weltherrschaft“ anstrebt, wie es ein Insider wissen will, vermag EM nicht zu sagen.

Doch nach außen gibt sich der  Konzern nicht als Weltmacht, sondern übt  Understatement. REMONDIS präsentiert sich gerne als  klein und bescheiden. „Der Grizzly komme gerne als Teddybär daher“, so sagt es jemand, der den Konzern von innen bestaunt.  Familienunternehmen, eines der Lieblingswörter der Remondianer, das klingt niedlich, nett, völlig ungefährlich und schon gar nicht nach der Raupe Nimmersatt.   In der Öffentlichkeit hat der Begriff Familie einen sympathischen Beigeschmack, Niemand würde ohne Weiteres hinter einem Megaunternehmen mit einem solchen Beinamen einen weltumspannenden Konzern mit einem extensiven  Expansionswillen und Riesenappetit auf andere Unternehmen vermuten. Sich klein machen statt sich aufzublähen- eine schlaue Taktik, wenn man in Wahrheit  nach Marktmacht und Dominanz strebt.

Eine funktionierende Methode

Was gegenüber der Öffentlichkeit so gut funktioniert, scheint auch gegenüber Mitbewerbern, insbesondere größeren wie VEOLIA, eine probate Methode zu sein. „Man hat sich selbst klein gemacht, verniedlicht  und das ‘große Gegenüber‘ hofiert und gebauchpinselt“, heißt es aus informierten Kreisen. Franzosen, so heißt es, sind dafür besonders empfänglich.  Doch intern soll man sich im gleichen Atemzuge über den soeben beweihräucherten VEOLIA-Konzern lustig gemacht haben.

Wenn das so stimmt. wäre das nichts Ungewöhnliches. Denn es gibt zweifelsohne eine raue Wirklichkeit hinter dem schönen Schein der miteinander nett umgehenden Megaunternehmen. Nach außen spiegeln die große Entsorgungs- und Wasserkonzerne „Fairplay“ und „Netiquette“ vor, tatsächlich aber herrscht ein Hauen und Stechen. „Freundschaften“ und Allianzen haben ähnlich wie in  der großen  Politik nur so lange Bestand, wie sie von strategischem oder taktischen  Wert sind, Merkt einer der  „Partner“, dass er ins Hintertreffen gerät oder gibt es eine optimalere Konstellation pflegt jedes noch so hymnisch gepriesene Partnerschaft hinter den Kulissen zu verschwinden.

Den besten Beweis dafür haben VEOLIA und SUEZ geliefert. In der  unvergleichlichen Übernahmeschlacht haben die gallischen Konzerne die Maske fallen lassen und letzte Grenzen weit hinter sich gelassen. Jeder juristische und taktische Winkelzug, jeder Frontalangriff auf Persönlichkeiten erschien recht.  Und dies alles getragen von einer Feindschaft, wie sie tiefer und abgründiger nicht sein kann. Das sonst von unseren gallischen Nachbarn so innig beschworene national einigende Band, es galt und gilt nichts auf den Schlachtfeldern der Konzerne.

REMONDIS (unser Bild zeigt die Niederlassung in Hildesheim) will offenbar in Frankreich erreichen, was in Deutschland -Stichwort Grüner Punkt- nicht gelang.. Foto: K H Glitza

Wie Ludger Rethmann abseits von Sonntagsreden, warmen Händedrücken und der nach außen demonstrierten  Contenance denkt, kann EM nicht beurteilen. Wohl aber ist aus nicht einflusslosen Kreisen seines Konzerns eine alles andere als schmeichelhafte Einschätzung des neuen „VEOLIA-Kolosses“ durchgedrungen. Glaubt man einem Insider, wird  das Konstrukt aus dem und großen Teilen von SUEZ als „manövrierunfähig, eitel (französisch eben) und dekadent“ bewertet.

Eine  Sichtweise, die nicht nur dem REMONDIS-Chef zu eigen ist, Megakonzerne, und das gilt auch für „Weltmeister der ökologischen Transformation“, könnten zu „Verkrustungen“ neigen, ist auch von  anderen Seiten zu hören.  Schiere Größe nütze wenig, wenn sie nicht mit Reaktionsfähigkeit, Flexibilität und dem Willen, nicht in Selbstzufriedenheit zu versinken,  gepaart sei. Größe verleiht Macht, aber sie kann auch ersticken. So wie bei einem gestrandeten Wal, der von seinem eigenen Gewicht erdrückt wird.    Die Weltwirtschaft ist voller Beispiele, wo nicht der Größere den Kleineren geschluckt hat, sondern der Schnellere den Behäbigeren.

Die Chancen von REMONDIS

Welche realen Chancen hat REMONDIS nun, sich beim neuen SUEZ einzukaufen? Dazu lässt sich zunächst feststellen, dass die Lünener nur dann zum Zuge kommen können, wenn sie die  US-amerikanische Global Infrastructure Partners (GIP)  aus dem Spielfeld kicken. Denn die anderen „Mitspieler“, der französische Fonds Meridiam und die staatliche Bank Caisse des Dépôts et des salariés  stehen bei den nationalbewussten Galliern nicht zur Disposition. Das neue SUEZ-Unternehmenskonstrukt solle mehrheitlich in französischer Hand bleiben, das ist auch von Staats wegen die Maxime. Insofern spitzt sich die Beteiligungsfrage auf Lünen (Remondis) oder New York City (GIP) zu.

Wenn es zum Deal mit nouveau SUEZ käme, hätte das aller Wahrscheinlichkeit auch Auswirkungen auf den deutschen Entsorgungsmarkt. Foto: S. Hofschlaeger / pixelio.de

GIP ist  quasi ein gebranntes Kind. Einst in einer Partnerschaft mit dem französischen Fonds ARDIAN angetreten, um gemeinsam Teile von SUEZ zu erwerben,  stehen die US-Amerikaner nach dem schnöden ARDIAN-Ausstieg als verlassene Braut da. Angesichts dessen wäre es für die Yankees schwer, in einem französisch dominierten Gesellschafterumfeld nützliche Allianzen zu bilden. Dagegen hat REMONDIS bereits bei der TRANSDEV-Beteiligung Kontakte zur Caisse des Dépôts et des salariés aufgebaut. Mit deren zehnprozentiger Beteiligung wären sie schon der Stimmmehrheit nahe.  Für die Lünener wäre der Weg frei, wenn die US-Amerikaner aus „freien Stücken“ oder weil sie ein interessantes Angebot erhalten, von ihrem Interesse an der „nouveau SUEZ“ ablassen. Dass sich auch die alleingelassenen Yankees auf Französisch verabschieden, gilt keinesfalls als unwahrscheinlich.

Noch ein Pluspunkt für REMONDIS: Ludger Rethmann spielt zielbewusst die europäische Karte aus. Dies wäre den US-Amerikanern jedenfalls auf glaubwürdige Art auch in der Nach-Trump-Ära kaum möglich. Wir brauchen Europameister im Bereich Recycling und Abfallbehandlung, heißt es sinngemäß in dem Brief von Rethmann an die SUEZ-Spitzen,  Ziel sei  es, eine neues, sehr mächtiges und wettbewerbsfähiges Suez zu schaffen, „indem wir “unsere internationalen Aktivitäten im Bereich Wasser und unsere französischen Aktivitäten im Bereich fester Abfälle zu Suez bringen”, so -frei übersetzt- der Tenor des Schreibens.

Eine weitere Trumpfkarte ist Rethmanns Versprechen, dass mit REMONDIS als Aktionär das neue SUEZ nicht abgebaut oder  gar demontiert wird. In dieser Hinsicht kann man sich -bei allem Respekt- bei Investmentfonds nie restlos sicher sein.

Vorbehalte gegen “deutsche Lösung”

Allerdings gibt es in Frankreich auch Stimmen, die der „deutschen Lösung“ weniger positiv gegenüberstehen. Angeführt wird dabei das Beispiel Transdev, an der die Rethmann Gruppe mit 34 Prozent beteiligt ist. Die entscheidenden Positionen des Verkehrsunternehmens wurden  innerhalb kurzer Zeit von Vertrauten erobert. In ebenso kurzer Zeit wurde via Wertschöpfungskette eine „Pipeline“ zum Lünener Konzern gelegt. So wird im gallischen Nachbarland schon gefragt: Ist Transdev überhaupt noch französisch?

Ebenso stark sind aber auch die Stimmen. die ganz ähnliche Befürchtungen im Blick auf die US-Amerikaner hegen, die sich bei den Franzosen keinesfalls uneingeschränkter Beliebtheit erfreuen.

Manche – ob Franzosen oder Deutsche- fragen sich auch, wie REMONDIS den Kaufpreis für die SUEZ-Anteile ohne Finanzierung stemmen will. . Insider gehen von mehreren Milliarden Euro aus. Das ist aller Wahrscheinlichkeit nach mehr als REMONDIS für solche Transaktionen auf die hohe Kante gelegt hat. Springt am Ende der mehrfache Milliardär Rethmann ein?

Wie auch immer: Eine neue Übernahmeschlacht ist eröffnet. Und REMONDIS, jener Konzern, das aus dem kleinen Lünen in die große Welt agiert,  ist diesmal mittendrin.

K H Glitza

 

 

Hinterlasse eine Antwort