Franz Untersteller: „Aus meiner Sicht muss man die verpackten Lebensmittel vor der biologischen Behandlung entpacken“

Franz Untersteller: „Aus meiner Sicht muss man die verpackten Lebensmittel vor der biologischen Behandlung entpacken“

150 150 Klaus Henning Glitza

EM-Interview mit dem Minister für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft des Landes Baden-Württemberg

 

Seit Mai 2011 ist er Minister für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft des Landes Baden-Württemberg; Franz Untersteller. Foto: Umweltministerium/ KD Busch

Verpackte Lebensmittel werden industriell geschreddert und unter anderem als mit Fremdstoffen, sprich Plastik, belastetes Gärsubstrat an Biogasanlagen geliefert. Gegen diese Praxis, die zumindest mittelbar zur Umweltkatstrophe an der Schlei geführt hat, haben der baden-württembergische Umweltminister Franz Untersteller und sein ehemaliger Ministerkollege Robert Habeck (Schleswig-Holstein) kritisch Stellung bezogen und es geschafft, dass auch der Bundesrat eindeutig Position bezogen hat. EM fragte den Minister und Grünen-Politiker Franz Untersteller, welche praktischen Schritte jetzt folgen werden.

EM: Herr Minister, zusammen mit ihrem damaligen Amtskollegen Robert Habeck haben Sie sich gegen das Schreddern verpackter Lebensmittelabfälle ausgesprochen. Die Umweltministerkonferenz (UMK) ist im Juni und der Bundesrat im September Ihrem Antrag gefolgt. Wie geht es jetzt weiter?

Minister Franz Untersteller: Plastikeinträge in Böden und Gewässer stellen ein zunehmendes Problem für die Umwelt dar. Ich bin daher froh, dass der Bundesrat unserer Initiative gefolgt ist und damit deutlich signalisiert hat: Plastik gehört weder in Düngemittel noch in Kompost. Jetzt muss die Länderarbeitsgemeinschaft Abfall im Auftrag der Umweltministerkonferenz konkrete Vorschläge entwickeln, damit die Lebensmittelabfallentsorgung bundesweit einheitlich verbessert wird. Zentrale Aufgabe hierbei ist, wie sich der Anteil von Kunststoffen in den Gärresten minimieren lässt. Aus meiner Sicht muss man die verpackten Lebensmittel hierzu vor der biologischen Behandlung entpacken.

EM: Ihr Antrag zielt auf drei Punkte. 1. Auspacken der Lebensmittelabfälle vor der Weiterverarbeitung. 2. Einstufung der Speiseabfälle aus Gastronomie, Großküchen und Lebensmittelindustrie als Siedlungsabfall, der sauber getrennt werden muss. Und 3. Reform der Düngemittelverordnung, insbesondere Senkung des zugelassenen Anteils an Fremdstoffen (jetzt 0,5 Prozent). Gibt es dazu bereits erste Signale?

Minister  Untersteller: In Baden-Württemberg haben wir in einem aktuellen Genehmigungsverfahren eine technische Vorentpackung bereits gefordert und diese auch durchgesetzt. Das zeigt, dass es möglich und zumutbar ist. Und laut Aussage des Bundes haben die Arbeiten zur Novelle der Bioabfallverordnung begonnen. Wir werden das intensiv verfolgen und darauf achten, dass unsere Anliegen auch aufgenommen werden. Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat auf unsere Diskussionen in der Umweltministerkonferenz und im Bundesrat bereits reagiert und Entwürfe zur Anpassung der Fremdstoffgrenzwerte in der Düngemittelverordnung vorgelegt. Auch das werden wir intensiv begleiten.

EM: Die Lebensmittelrecycler führen ökonomische Gründe für das Schreddern der verpackten Ware an. Das vorherige Entfernen der Plastikumhüllungen sei zu zeitaufwändig und zu teuer, heißt es. Was sagen Sie zu solchen Argumenten?

Minister Untersteller: Uns geht es um eine technische und nicht um eine manuelle Entpackung. Automatische Entpackungstechnologien sind am Markt verfügbar und werden in der neuen baden-württembergischen Anlage auch eingesetzt. Die Kosten hierfür sind durchaus zumutbar. Immerhin geht es darum, unsere Umwelt nicht zusätzlich mit Plastik zu belasten. Und wenn alle Entsorger in gleicher Weise hierzu verpflichtet sind, wird auch der Wettbewerb nicht verzerrt.

EM: Herr Minister, vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Klaus Henning Glitza

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Zur Person

„Baden-Württemberg ökologisch modernisieren, die Umwelt schützen, das Klima retten, die Energiewende voranbringen“, Das sind nach Eigenangaben die Themen von Franz Untersteller, seit Mai 2011 Minister für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft des Landes Baden-Württemberg.

Eigentlich ist er Saarländer, der am 4. April 1957 im saarländischen Ensheim Geborene. Ins Ländle, wie die Baden-Württemberger liebevoll ihr Bundesland nennen, brachte ihn 1978 sein Studium der Landschaftsplanung an der damaligen Fachhochschule Nürtingen, das er 1982 als Diplom-Ingenieur (FH) abschloss. Nicht nur die Theorie stand an der FH im Fokus. Während seiner Studienzeit arbeitete er vor Ort als Stipendiat der Carl-Duisberg-Gesellschaft an einem Projekt des kolumbianischen Umweltministeriums mit.

Es war nicht die einzige umweltpolitische Erfahrung. Bereits ab dem Jahr 1981 arbeitete Franz Untersteller in Freiburg am Öko-Institut e.V., von 2003 bis 2011 war er Mitglied des Vorstands. Seine politischen Sporen verdiente er sich zwischen 1983 und 2006 als umwelt- und energiepolitischer Berater der grünen Fraktion im baden-württembergischen Landtag. Seit dem Jahr 2006 ist er Mitglied des Landtags von Baden-Württemberg. Von 2006 bis 2011 war er stellvertretender Fraktionsvorsitzender der grünen Landtagsfraktion

Franz Untersteller ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Der passionierte Tischtennisspieler (TTF Neckarhausen) kocht in seiner Freizeit gerne. Im saarländischen Kochbuch „Omm Zwellff wärrd gäss!“ von Paul Glass kann man eines seiner Lieblingsrezepte nachlesen: „Schneebällcher im Schwäbischen“.

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