FES: Schön für die Stadt Frankfurt am Main- schlecht für die Beschäftigten?

FES: Schön für die Stadt Frankfurt am Main- schlecht für die Beschäftigten?

150 150 Klaus Henning Glitza

EM-Interview mit Mitarbeitern: „Tatsächlich ist es so, dass massive Arbeitsverdichtung herrscht“

 

 

Einer der Mitarbeiter der Frankfurter Entsorgungs- und Service GmbH (FES bei seiner herausfordernden Arbeit. Bei der auf dem dpa-Bild dargestellten Person handelt es sich um keinen der Interviewten. Foto: picture alliance / Fabian Sommer/dpa

Für die Finanzen der Stadt Frankfurt am Main ist die Frankfurter Entsorgungs- und Service  GmbH samt ihren Tochtergesellschaften ein wahrer Segen. Das REMONDIS-Beteiligungsunternehmen, an der die Stadt  51 Prozent der Anteile hält, spült Jahr für Jahr Millionen in das Stadtsäckel. Im Römer, dem Rathauskomplex der Mainmetropole,  wird gerne von „Win-Win“ geredet. Aber gilt Win-Win  auch für die Beschäftigten?

Offene Worte im Arbeitgeber-Bewertungsportal „Kununu“ und andere Informationen lassen Zweifel zu. EM wollte es genau wissen und sprach mit mehreren Beschäftigten.

EM: Die Verantwortlichen der Stadt Frankfurt loben die FES als absolutes Vorzeigeunternehmen. Die Postings in „Kununu“ spiegeln das aber nicht 1:1 wider. Neben positiven Beurteilungen (guter Arbeitgeber) gibt es auch eine Fülle kritischer Anmerkungen bis hin zu „Eine Schande für Frankfurt“. Wie ist es aus Eurer Sicht tatsächlich?

Mitarbeiter: Tatsächlich ist es so, dass eine massive Arbeitsverdichtung herrscht. Man kann von einer Verdoppelung der Arbeitsdichte sprechen. Deshalb bleiben Touren stehen. Hinzu kommen personelle Ausfälle, weil sich Kollegen auch aufgrund der Überlastung krankmelden. Es gibt da nicht nur die körperliche, sondern auch psychologische Komponente, die sich bei ständiger Überforderung auswirkt.

EM: Aus Kreisen der Beschäftigten ist zu hören, dass auf ältere Arbeitnehmer keine Rücksicht genommen werde. Ist das richtig?

Mitarbeiter: Ältere werden gerne auf schwere Touren geschickt. Oder sie bekommen leichtere Arbeit, die dann aber mit Lohnabschlägen verbunden ist. Das kann netto durchaus 250 bis 350 Euro ausmachen. Bekanntlich gibt es im Entsorgungsbereich einen geringen Grundlohn. Man lebt mehr oder minder von den Zuschlägen, die bei leichterer Tätigkeit wegfallen. Da wird es bei unserer Gehaltsstruktur schon mehr als eng.

Es sind im Übrigen nicht nur die älteren Kollegen, die ausfallen, sondern immer öfter auch die Jüngeren. Seit etwa zehn Jahren haben wir einen erhöhten Krankenstand, der alle Altersgruppen betrifft. Krankmeldungen gibt es in immer kürzeren Abständen. Manche Kolleginnen und Kollegen fallen länger oder auch dauerhaft aus, so dass die Stadt Frankfurt dann auf den Sozialkosten sitzen bleibt. Das kann für die Stadt recht teuer werden.

EM: Nicht bei „Kununu“, sondern in Medien war vor Monaten von gravierenden Mängeln bei den Corona-Schutzmaßnahmen die Rede. Wie stellt sich das aus Eurer Sicht dar?

Mitarbeiter: Ganz klar, die sogenannten Schutzmaßnahmen waren vorsichtig ausgedrückt mangelhaft. In den Sanitärräumen mussten die Kollegen und Kolleginnen auf Wasser zurückgreifen, weil keine Desinfektionsmittel vorhanden waren. Von der Geschäftsleitung hieß es, die Behälter seien leer, weil der Inhalt geklaut worden wäre.  Dann wurde nachgeschoben, Desinfektionsmittel wären überall ausverkauft und könnten deshalb nicht nachgefüllt werden.

Eine wirklich engagierte Kommunalpolitikerin kümmerte sich darum und löste das Problem unbürokratisch. Es geht also, wenn man es nur will. Aber auch heute noch ist der eine oder andere Desinfektionsbehälter leer.

EM: Und wie sieht es mit der Desinfektion der Fahrzeuge aus?

Mitarbeiter: Das ist ein weiteres Problem. Ich möchte von der angeblichen Desinfektion unserer Fahrzeuge sprechen. Es wurde versprochen, dass die Fahrzeuge täglich gereinigt und desinfiziert werden. Doch in der Praxis sieht das anders aus: Wenn Kolleginnen und Kollegen bewusst gewisse „Labels“ in den Fahrzeugen hinterlassen, sind die am nächsten Tag noch da. Da kann also nie und nimmer gereinigt oder desinfiziert worden sein.

EM: Nach EM-Informationen gibt es bei FES ein Bewertungssystem, verbunden mit Zielvereinbarungen und Prämien, die bei guten „Noten“ ausgezahlt  werden.

Mitarbeiter: Ja, das gibt es. Allerdings sind die guten Bewertungen den Vorgesetzten vorbehalten, während alle anderen deutlich schlechter bewertet werden. Weil dadurch viele Prämien gar nicht fällig werden, hat sich eine hübsche Summe angesammelt. Stellt sich die Frage, was mit dem Geld passiert. In den Jahresabschlüssen sucht man diese „Rücklagen“ vergebens.

EM: In einem Posting wird ein „Mobbing von oben“ angesprochen. Was kann man sich darunter konkret vorstellen?

Mitarbeiter: Dazu ein Beispiel: Vorgesetzte fahren Kolleginnen und Kollegen bei ihren Touren hinterher, um sie regelrecht zu beschatten und zu kontrollieren.

EM: Man hört, dass immer wieder Kollegen und Kolleginnen mit Kfz-Schäden konfrontiert werden , die sie verursacht haben  und dafür zahlen sollen.

Ein Knochenjob bei hoher Arbeitsverdichtung: Ein Abfallentsorgungsfahrzeug der FES fährt durch die Frankfurter Innenstadt. Auch in Corona-Zeiten sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unermüdlich im Dienst der Stadtsauberkeit unterwegs. Foto: picture alliance/dpa | Boris Roessler

Mitarbeiter:  Es wird immer wieder gedroht, den Beschäftigten die „Schadensregulierung“ , also die Kosten aufzudrücken. Viele Kolleginnen und  Kollegen nehmen deshalb die Fahrzeuge vor Fahrtantritt genaustens unter die Lupe damit sie nicht hinterher für vielleicht bereits bestehende Schäden zur Kasse gebeten werden.

EM: In Frankfurt am Main spielt das Thema Umweltschutz eine besondere Rolle. Ist die FES in dieser Hinsicht ein uneingeschränktes Vorzeigeunternehmen?

Mitarbeiter: Zur E-Mobilität habe ich meine eigene Meinung. Um das für die Akkus erforderliche Lithium zu gewinnen, müssen in Afrika und anderswo Menschen unter unwürdigen Umständen schuften. Das ist die Schattenseite der E-Mobilität. Für mich ist das Öko-Rassismus- weit rechts von der AfD.

EM:  Wie bewertet Ihr  die technische Ausstattung der FES? In einem Posting wird Kritik an veralteten Abfallentsorgungsfahrzeugen geübt. Entspricht das den Tatsachen?

Mitarbeiter: Viele Fahrzeuge sind tatsächlich nicht nur veraltet, die kann man im Prinzip wegschmeißen. Da spart die Firma jede Menge.

EM: Wie ist bei den Beschäftigten das Thema öffentliche Ausschreibung der REMONDIS-Anteile an der FES diskutiert worden? Gab es Angst um die Arbeitsplätze?

MItarbeiter: Ja, durchaus. Bei Betriebsversammlungen wurde immer wieder betont, dass der der private Anteil an der FES bei REMONDIS bleibt. Dennoch herrschte massive Existenzangst bei den Beschäftigten.

EM: Es gibt ja nicht nur die FES, sondern auch deren 100-prozentige Tochter FFR. Eine 100-prozentige FES-Tochter, die von manchen Kollegen als „FES light“ bezeichnet wird.

Mitarbeiter: Diese Bezeichnung ist durchaus zutreffend. Bei der FFR gibt es keinen Tarifvertrag.  Die Löhne sind auch deutlich geringer, die Straßen-Reiniger der FFR verdienen 10,30 Euro pro Stunde

Für die FES, aber auch für die Stadt Frankfurt ist die FFR natürlich eine Superlösung. Praktisches Beispiel: Die Stadt und das Land(Heesen-Mobil) vergibt einen Auftrag an die FES, die tariftreu ist. Die FES wiederum schiebt diesen Auftrag der FFR zu, die keinerlei Tarifbindung hat. Die Stadt hat formell ihrer Pflicht genügt, den Auftrag an ein tariftreues Unternehmen vergeben zu haben. Die FES spart jede Menge Geld, weil sie den Auftrag an ein Unternehmen vergibt, in dem wenige Cent über dem Branchen-Mindestlohn gezahlt werden.

Bei der FFR gibt es auch viele befristete Verträge. Um unbefristet angestellt zu werden, müssen sich die Kolleginnen und Kollegen sozusagen wohlgefällig verhalten.

EM: Jetzt haben wir viele negative Punkte beleuchtet. Gibt es auch Positives?

Mitarbeiter: Ja, gibt es. Wer länger als sechs Wochen krankgeschrieben ist, bekommt von FES die Differenz zwischen Arbeitslohn und Krankengeld. Das gibt es kaum bei anderen Firmen.  Das ist sozial gesehen extrem positiv.

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Das Interview führte Klaus Henning Glitza.

Interviewt wurden mehrere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der FES und Tochtergesellschaften. Bei sich ähnelnden Aussagen wurden die Antworten nach Rücksprache mit den Kollegen und deren Autorisierung zusammengeführt. Namen werden aus nachvollziehbaren Gründen nicht genannt.

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