Eric Rehbock: „Elefantenhochzeit droht den Mittelstand zu erdrücken“

Eric Rehbock: „Elefantenhochzeit droht den Mittelstand zu erdrücken“

150 150 Klaus Henning Glitza

EM-Interview mit dem Hauptgeschäftsführer des bvse-Bundesverbandes Sekundärrohstoffe und Entsorgung e.V.

 

Verwerfungen massivster Art befürchtet Eric Rehbock, der Hauptgeschäftsführer des bvse-Bundesverbandes Sekundärrohstoffe und Entsorgung e.V., bei einer „Elefantenhochzeit“ des Dualen Systems Deutschland (DSD) mit dem größten deutschen Entsorgungskonzern. Gleichzeitig fordert der ausgewiesene Umwelt- und Rohstoffexperte eine Reform der derzeitigen DSD-Vergabepraxis.

 

EM: Herr Rehbock, Ihr Verband vertritt rund 900 mittelständische Recycling- und Entsorgungsunternehmen. Der Mittelstand hat es nach Ihren Angaben schon heute schwer, sich in einem sich verschärfenden Verdrängungswettbewerb zu behaupten. Was würde sich aus Ihrer Sicht konkret verschlimmern, wenn es zur Übernahme des Dualen Systems Deutschland (DSD) durch den REMONDIS-Konzern kommt?

Eric Rehbock: Remondis, mit einem Jahresumsatz von zirka 6,4 Milliarden Euro, ist der mit großem Abstand größte Entsorgungskonzern in Deutschland. Andererseits ist die DSD Holding GmbH mit ihrem Marktanteil von rund 40 Prozent an der Verpackungsentsorgung Marktführer im Segment der Dualen Systeme. Diese Elefantenhochzeit droht den Mittelstand zu erdrücken. Wenn Remondis die Übernahme der DSD Holding GmbH gelänge, müssten die an Entsorgungsaufträgen interessierten Mitbewerber sich an den Sammel-Ausschreibungen der Remondis-Tochter DSD GmbH beteiligen. Sortierung und Verwertung müssen erst gar nicht ausgeschrieben werden, so dass hier eine konzerninterne Vergabe erfolgen könnte. Damit wird der Mittelstand ausgesperrt. Das könnte Remondis auch außerhalb des Bereichs der Verpackungsentsorgung einen erheblichen Wettbewerbsvorteil verschaffen.

 

Das Logo des bvse-Bundesverbandes. Foto: bvse

EM: Um die dualen Systeme – neben DSD gibt es ja bekanntermaßen neun weitere, aber weitaus kleinere Systeme dieser Art – wird Deutschland weltweit beneidet. Ihren Worten zufolge sind alle diese Systeme insgesamt in Gefahr, wenn es zum Megadeal DSD-REMONDIS kommt. Wo liegen die hauptsächlichen Gefahren?

Eric Rehbock: Wenn der Marktführer in der Entsorgungsbranche den Marktführer der dualen Systeme schluckt, dann verliert das System der Verpackungsentsorgung an Transparenz und damit an Vertrauen. Faktisch läuft das zukünftig darauf hinaus, dass Handel und Inverkehrbringer nur noch eine Handvoll Entsorgungskonzerne beauftragen können. Die Gefahr, dass diese sich die Bälle gegenseitig zuspielen, ist enorm.

 

EM: Laut Pressemitteilung befürchten Sie auch, dass REMONDIS nach Erwerb des Dualen Systems Deutschland Einblicke in die Kalkulationen der mittelständischen Unternehmen nehmen könnte, was Sie offenbar als eine Art Konkurrenzausspähung sehen. Wie wäre es dem Konzern denn praktisch möglich, den Unternehmen gewissermaßen in die Karten zu schauen?

Eric Rehbock: REMONDIS ist größter Auftragnehmer der dualen Systeme. Beispielsweise hält der Konzern schon jetzt alleine zirka ein Viertel der Sammelaufträge. Die DSD ist dann in zirka 40 Prozent der Vertragsgebiete Ausschreibungsführer. Nach Übernahme wäre REMONDIS dort gleichzeitig Ausschreibungsführer und Leistungsanbieter. Das lässt dann bei der Bewertung von Ausschreibungsergebnissen durchaus Rückschlüsse zu.

 

EM: Gut, REMONDIS ist zwar die mit Abstand größte Unternehmensgruppe ihrer Art in Deutschland. Doch andererseits ist der Recycling- und Entsorgungsmarkt groß und zudem im Wachstum begriffen. Dies letzten Endes auch durch den Importstopp Chinas für Kunststoffabfälle. Hand aufs Herz, ist der Markt nicht groß genug für alle? 

Eric Rehbock: Wir erhalten im Wochenrhythmus Meldungen von Übernahmen. Da ist offensichtlich ein großer Verdrängungsprozess im Gange. Eine Situation, die auch das Bundeskartellamt inzwischen mit Argusaugen betrachtet und öffentlich davon spricht, dass in der Entsorgungsbranche fast ähnliche Verhältnisse wie im Einzelhandel herrschen.

 

EM: Sie sprechen von Marktbeherrschung. Laut Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen ist dies der Fall, wenn ein Unternehmen einen Marktanteil von mindestens 40 Prozent hat. Welche Märkte sind es denn, die aus Ihrer Sicht schon jetzt von REMONDIS dominiert werden?

Eric Rehbock: Wir sehen das unter anderem in den Bereichen Sonderabfall, E-Schrott, Altglas, Altpapier. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass das Bundeskartellamt eine Sektoruntersuchung eingeleitet hat.

 

EM: Der Mittelstand wird in diversen politischen Reden und Sonntagsreden stets als Rückgrat der deutschen Wirtschaft gepriesen. Kann es da aus

Mit der Wiederverwertung von Altpapier begann die Geschichte des Branchenverbandes bvse. Foto: Iwona Golczyk /pixelio..de

Ihrer Sicht die Politik einfach so hinnehmen, wenn die mittelständische Struktur der Recycling- und Entsorgungswirtschaft entscheidend geschwächt oder sogar infrage gestellt wird?

Eric Rehbock: Die Politik kann kein Interesse daran haben, dass diese Branche am Ende nur noch von fünf oder sechs Unternehmen beherrscht wird. Am Ende würde dies nicht nur dazu führen, dass der Mittelstand der Branche in einem bedrohlichen Maße geschwächt werde, sondern auch, dass der Verbraucher letzten Endes die Zeche bezahlen muss, weil es keinen echten Wettbewerb mehr gibt.

 

EM: Welche Forderungen haben Sie an die so genannte große Politik?

Eric Rehbock: Wir sehen zwei bedeutende Probleme. Zum einen die Ausweitung des kommunalen Engagements. Das andere Kernproblem, das wir sehen, ist, dass sich auf der privaten Seite eine zunehmende Konzentration zeigt. Um auf diese Entwicklung zu reagieren, müsste die Politik einerseits die Möglichkeit der kommunalen Inhouse-Vergabe einschränken. Andererseits müsste sie die rechtlichen Möglichkeiten schaffen, um dem Bundeskartellamt strengere Fusionskontrollmaßnahmen zu ermöglichen.

 

EM: Sie üben Kritik an der derzeitigen DSD-Vergabepraxis und fordern eine Reform.  Wie könnten diese aussehen?

Eric Rehbock: Wir fordern, dass die Ausschreibungen nicht mehr von den dualen Systemen, sondern von neutraler Seite, etwa von der neugegründeten Zentralen Stelle, vorgenommen werden. Eine entsprechende Änderung des Verpackungsgesetzes könnte relativ unkompliziert und zeitnah in Angriff genommen werden. Beispielgebend ist hier die Bundesnetzagentur, die in den Märkten Telekommunikation und Post, Energie und Eisenbahnen durch regulatorische Entscheidungskompetenz und die Durchführung von Vergabeverfahren für einen soliden wettbewerblichen Rahmen sorgt.

 

EM: Herr Rehbock, herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Klaus Henning Glitza

 

 

Zur Person und zum Verband

Seit 2007 Hauptgeschäftsführer des bvse: Eric Rehbock. Foto: bvse

Der Diplomingenieur Eric Rehbock ist seit dem 2. Januar 2007 Hauptgeschäftsführer des bvse-Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung e.V. in mit Sitz in Bonn. Der gebürtige Saarländer begann nach dem Studium Bergbau und Rohstoffe an der Technischen Universität Clausthal als Betriebsleiter bei der Franz Schlüter GmbH. Anschließend war er zwölf Jahre für die Dr. Ing. Uwe Görisch GmbH, zuletzt als Prokurist, tätig. Von September 2002 bis zum 31. Dezember fungierte der Verfasser zahlreicher Fachbeiträge als Leiter Technisches Controlling der U-plus Umweltservice AG.

Der 1949 als „Altpapierverband e.V. gegründete bvse ist der mitgliederstärkste Branchenverband in Deutschland und Euro. Die Mitgliedsunternehmen aus der Sekundärrohstoff-, Recycling- und Entsorgungswirtschaft sind überwiegend mittelständisch geprägt. Präsident des bvse ist Bernhard Reiling, Chef der Reiling-Unternehmensgruppe.

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