Entsorgung auf die ganz andere Art

Entsorgung auf die ganz andere Art

150 150 Klaus Henning Glitza

Manager in Unterhose: Ein sehr peinlicher Eklat bei Frankfurter Entsorgungsunternehmen wurde trotz eines firmeninternen Schweigegebots öffentlich

 

„Unterhosen-Eklat bei Führungskräftetagung (…)  Entsorgungsfirma feiert wilde Suff-Party!“. Unter dieser Überschrift machte die BILD-Zeitung einen der wohl skurrilsten Vorfälle in der Geschichte der Frankfurter Entsorgungs- und Service GmbH (FES) öffentlich. Die Entgleisung habe „sowohl nach außen als auch nach innen einen immensen Imageschaden“ verursacht, kommentierte ein Sprecher des öffentlich-privaten Unternehmens gegenüber der Deutschen Presse-Agentur die textile Entsorgung der besonderen Art.

Das Befremden im Unternehmen und in der Öffentlichkeit war und ist groß, denn die FES ist nicht irgendeine Firma, sondern der führende Entsorger im Rhein-Main-Gebiet.  1.700 Mitarbeiter, 775 Fahrzeugen, 23 Standorte und sechs Tochterfirmen machen die Größenordnung deutlich. Mit einem Jahresumsatz von 230 Millionen Euro und -laut Bilanz 2016- einem Jahresüberschuss von 15.962.664 Millionen Euro gehört die FES zu den unternehmerischen Schwergewichten der Region. Die Stadt Frankfurt am Main besitzt 51 Prozent der Anteile. 49 Prozent hält seit dem 1. Januar 1998 die REMONDIS GmbH & Co. KG – Region Süd. Trotz der Minderheitsbeteiligung liegt die Führung des operativen Geschäfts in den Händen des privaten Entsorgungskonzerns.

Ein beliebtes Tagungshotel im Großraum Frankfurt. Das noble Parkhotel Rödermark. Dort fand die Führungslkräftetagung der FES statt. Foto: Parkhotel Rödermark

Rödermark, südlich von Frankfurt gelegen, das noble Parkhotel Rödermark. Werbeslogan: „Business und Freizeit im Grünen erleben“. In dieses First-Class-Haus hatte die FES zum 23. und 24. November 2017 zur Führungskräftetagung eingeladen.  Eine Veranstaltung mit Tradition, der zirka 65 Personen aus den unterschiedlichen Führungsebenen (Geschäftsführung, Geschäftsleitung sowie Abteilungs- und Sachgebietsleiter) folgten. Einmal im Jahr wird Bilanz gezogen und über Zukunftsfragen gesprochen. Zentrales Thema war diesmal die Stadtreinigung in Frankfurt, die 2020 neu ausgeschrieben werden soll.

Beim geselligen Teil der Tagungen ist -wie wohl ziemlich überall- Alkohol noch niemals ein Tabu gewesen. Doch was diesmal geschah, geht weit über übliche Zecherpossen hinaus. Drei hochrangige Angehörige der Führungsebene, einer davon als Bereichsleiter Vertrieb und Marketing ein Mitglied der Geschäftsleitung, legten ein „grobes Fehlverhalten“ an den Tag. So formulierte es ein FES-Sprecher..

Das Trio hatte es sich nach dem gemeinsamen Abendessen in der Hotelbar gemütlich gemacht. Als auch der letzte der anderen Teilnehmer in seinem Hotelzimmer verschwunden war, becherte die schon reichlich alkoholisierte Dreierrunde unbeirrt weiter. Einem von ihnen bekam die „Druckbetankung“ so schlecht, dass er mit dem Rettungsfahrzeug ins Krankenhaus gebracht werden musste. Ärztliche Diagnose: Alkoholvergiftung. Ein weiterer der fröhlichen Zecher, ausgerechnet der ranghöchste unter ihnen, geisterte nur mit Unterhose bekleidet durch das First-Class-Hotel. Das Mitglied des „Führungsteams für ein starkes Unternehmen“ (Eigendarstellung auf der FES-Webseite) verschreckte Personal und Gäste.  Dem Dritten im Bunde blieb zwar das Rettungsfahrzeug erspart.  Stattdessen setzte er sich trotz seines Zustandes in sein Auto- was bekanntlich eine Straftat ist.

Wer kein Zeuge der nächtlichen Exzesse wurde, bekam es spätestens am nächsten Tag mit. Das trinkfreudige Trio erschien erst gar nicht mehr zum zweiten Teil der Tagung. Weil sie „in sauer lagen“, „nicht ansprechbar“ so ein Insider. Nach dessen Berichten waren die obersten Chefs der FES sichtlich irritiert- zumal es um ein wirklich brisantes Thema ging. Die Stadtreinigung ist einer der wichtigsten Posten in der Dienstleistungsbilanz der FES. Fiele sie weg, weil beispielsweise ein anderes Unternehmen die europaweite Ausschreibung gewinnt, hätten die Frankfurter Entsorger ein großes Problem. Viele Mitarbeiter der Arbeitsebene haben deshalb schon heute größte Sorgen und bangen um ihren Arbeitsplatz. Umso weniger können Sie verstehen, wie sich drei ihrer Chefs so gehen lassen konnten.

Um die Stadtreinigung in Frankfurt am Main ging es vor allem bei der Führungskräftetagung der FES. Trotz des enorm wichtigen Themas lief die Veranstaltung teilweise aus dem Ruder.. Foto: FES GmbH, Frankfurt am Main

Der Fall war so gravierend, dass er sich bald unter den Mitarbeitern herumgesprochen hatte. Bekanntermaßen ist nichts so schnell wie der so genannte Flurfunk „Jeder wusste davon, das war lange in sämtlichen Abteilungen das Thema Nummer 1“, so ein Insider. Offizielle Haltung aber war es, das Saufgelage nach außen hin unter der Decke zu halten. Auch der Betriebsrat zog mit. Das Schweigebot funktionierte auch solange, bis sich anonyme „Freunde der FES“ am 31. Dezember 2017 mit einem Enthüllungsschreiben an die „Sehr geehrten Damen und Herren Redakteure“ der Bild-Zeitung wandten.

Das Massenblatt reagierte ein paar Tage später. Der peinliche Vorfall wurde dadurch in ganz Frankfurt und Umgebung bekannt. Andere Medien zogen nach. So etwas passe nicht „zu einem sauberen Image und schon gar nicht zu einem Unternehmen, das zur Hälfte der Stadt gehört“, kommentierte die Frankfurter Neue Presse. „In Unterhose durchs Hotel“, titelte das „Echo“.

Doch nicht nur um den „Suff-Eklat“ ging es in den anonymen Schreiben, das der EM-Redaktion vorliegt. Es gebe ein „komplettes Versagen der obersten Führungsebene“, wurde weiter ausgeführt „Bei der FES brodele es deshalb „sehr stark unter der Oberfläche“. Es laufe §so einiges aus dem Ruder und die Geschäftsleitung tut ihr übriges dazu“. So würden Entscheidungen getroffen, „welche ein erschreckendes Bild von Inkompetenz aufzeigen“. Dies betreffe vor allem einen der Bereichsleiter (Betrieb und Technik) „welcher ein unfassbar selbstherrliches Regime führt“. Dadurch demotiviere er „sehr viele Mitarbeiter in den Abteilungen FAS, ELOG, Straßenreinigung und Technik“. In diesen Abteilungen herrsche „ein Zustand von Frust, Angst, Unsicherheit, Unzufriedenheit und Resignation“. Der daraus resultierende Krankenstand sei „enorm hoch“. Das wirke sich bei FES so aus, „dass aufgrund Fahrermangel Fahrzeuge nicht eingesetzt werden können“. Der dadurch entstandene Schaden betrage in 2017 knapp 500.000 Euro. Durch weitere angeblich inkompetente Entscheidungen schmälere sich das Konzernergebnis im siebenstelligen Bereich. Das sei negativ „für die Gesellschafter und im Endeffekt für die Bürger“.

Bei den Betriebsversammlungen brächten die Mitarbeiter „ihre Unzufriedenheit über die Willkür der Führungskräfte zum Ausdruck“, heißt es in dem Schreiben weiter. Es herrsche „eine Art Lynchatmosphäre, welche nur mit Mühe im Zaum gehalten werden könne“.

Diese Darstellungen entbehrten jeder Grundlage, betonte FES-Sprecher Stefan Röttele gegenüber EM. Der genannte Bereichsleiter mache nichts anderes als seine Verantwortung wahrzunehmen. Das anonyme Schreiben habe erkennbar nur einen Zweck, nämlich dem Unternehmen FES zu schaden.

 

Alkohol- ein brisantes Thema

Von Petra Meine

Alkohol ist bei Abfallentsorgung und Straßenreinigung ein brisantes Thema. Statistiken belegen, dass sich schon in normalen Arbeitsbereichen etwa zehn bis 30 Prozent aller Arbeitsunfälle ereignen, weil vorher Alkohol konsumiert wurde. Wo Technik im Einsatz ist, wie bei Abfallentsorgung und Straßenreinigung, ist die Gefahr besonders groß.

Angetrunken zum Dienst erscheinen? Oder wegen zu hohen Restalkohols erst gar nicht zu erscheinen?  Ein Müllwerker hätte sich das nie leisten dürfen. Mindestens Abmahnung, wenn nicht sogar Kündigung- das wären die Folgen gewesen. Die harten Konsequenzen haben ihren guten Grund. Wer bei der Müllabfuhr nicht bei der Sache ist, kann schwerste Verletzungen davontragen, Und auch Unbeteiligte können zu Schaden kommen.

Umso wichtiger ist es, dass Führungskräfte mit gutem Beispiel vorangehen. Bei der FES aber handelten gleich drei Führungskräfte im umgekehrten Sinne. Es geschah zwar außerhalb der regulären Dienstzeiten, aber bei einer dienstlichen Veranstaltung. Schlimm ist aber auch, dass das Manager-Trio am nächsten Morgen einer Tagung fernblieb, in der es um nichts Geringeres als die Zukunft des Unternehmens und seiner Mitarbeiter ging. Das stößt in der Belegschaft besonders übel auf. Als „Kavaliersdelikt“ wird die „Suff-Orgie“ jedenfalls nicht gesehen.

Wie aber ging das Unternehmen mit dem Vorfall um? Das Fehlverhalten der hochrangigen Führungskräfte wurde sanktioniert, machte ein FES-Sprecher gegenüber der Deutschen Presse-Agentur deutlich.  Sanktion- das ist in diesem Fall eine arbeitsrechtliche Maßnahme, siehe oben. Doch wie dieser „Denkzettel“ konkret aussah, das sagte der Sprecher ausdrücklich nicht. „Das ist einmalig blöd gelaufen“, kommentierte er stattdessen. Das Trio sei sehr reumütig und habe sich öffentlich entschuldigt. Ein bisschen klingt das nach „Schwamm drüber“. Das gibt Spekulationen innerhalb und außerhalb des Unternehmens Raum. Von „zweierlei Maß“ ist die Rede.

Eine offenbar deutlich konsequentere Haltung legte die Umweltdezernentin der Stadt Frankfurt am Main und Vorsitzende des 16-köpfigen FES-Aufsichtsrates Rosemarie Heilig an den Tag, Sie veranlasste, dass die Führungskräftetagungen künftig nur noch einen Tag dauern. Das soll allzu exzessivem Alkoholgenuss beim gemütlichen Teil entgegenwirken, denn hinterher wartet kein gemütliches Hotelbett auf die fröhlichen Zecher.

In Kreisen der Belegschaft wurde die zweitägige Tagung ohnehin kritisch gesehen. „Die feiern sich und die Erfolge, die wir erarbeitet haben“, so ein Insider. Und das, inklusive Übernachtungen und gehobener Verpflegung, mit erheblichen Kosten. Da wäre kein Cent zu viel gewesen, obwohl sonst Sparsamkeit gepredigt werde. Zweierlei Maß eben…

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