Endzeitstimmung in Amsterdam:  AEB soll komplett verkauft werden

Endzeitstimmung in Amsterdam:  AEB soll komplett verkauft werden

150 150 Klaus Henning Glitza

Afval Energie Bedrijf- ein Millionengrab / Massiver  Sanierungsstau: Lange „auf Verschleiß gearbeitet

 

 

In der MVA von AEB Amsterdam, der größten in den Niederlanden, werden nach Unternehmensangaben 99 Prozent der jährlich angelieferten 1,4 Millionen Tonnen Siedlungs- und Industrieabfälle in nachhaltige Energie und Rohstoffe umgewandelt. Foto: AEB

 

 

Endzeitstimmung in Amsterdam: Nachdem die dortige Stadtverwaltung zweimal vergeblich versucht hatte, Anteile des kommunalen Abfallunternehmen Afval Energie Bedrijf (AEB) zu verkaufen, soll es nun im Zuge einer erneuten Ausschreibung  komplett an den Meistbietenden gebracht werden.

Vorausgesetzt, das Angebot sei gut genug, heißt es aus Kreisen der Verwaltung. Der Buchwert von AEB beträgt 145 Millionen Euro- doch der wird sich vermutlich nicht erzielen lassen. Verkaufsprofis wissen: Jeder vergebliche Versuch, ein Unternehmen an den Mann zu bringen, schmälert die Verkaufschancen und den Preis.

Viele Begleitumstände erinnern an einen Notverkauf. Amsterdam will das mittlerweile ungeliebte Abfallentsorgungsunternehmen unbedingt loswerden. Kein Wunder, denn der  Sanierungsstau des MVA-Betreibers AEB wird auf bis zu 100 Millionen Euro beziffert. Bislang ist aber nur ein kleinerer Teil dieses gewaltigen Sanierungsbedarfes abgearbeitet. Eine Komplettmaßnahme wäre aus den ohnehin schon stark beanspruchten städtischen Mitteln gar nicht finanzierbar- und auch die Kreditlinien sind längst ausgereizt.

Der Preis sei inzwischen  das “wichtigste Verkaufskriterium”, zitiert das Medium „NRC Handelsblad“ aus einem Schreiben der Amsterdamer Stadtverwaltung. Die Nachhaltigkeit und  fällt aktuell  unter „andere Kriterien“. Auch Punkte wie das Versprechen von Investoren, die AEB nicht schnell weiterzuverkaufen und Garantien für die Wärmeversorgung und die die Einhaltung der bestehenden Abfallverträge, sind nachrangig geworden.

Auf seiner Webseite bezeichnet sich AEB (Motto: „Für eine saubere Gesellschaft“) selbst als  nachhaltiges Rohstoff- und Energieunternehmen in der Metropolregion Amsterdam, das einen entscheidenden Beitrag zur Energiewende leiste.

Für Amsterdam, die Stadt der flachen Grachten und der tiefen Schulden, gibt es Gründe genug, das mittlerweile ungeliebte Abfallentsorgungsunternehmen so schnell wie möglich loszuwerden. Denn die Geschichte der AEB hat denkbar wenig von einer Erfolgsstory. Das zunächst hoffungsvolle  Unternehmen wurde für die einwohnerreichste Stadt der Niederlande zum Millionengrab, zum Fass ohne Boden.

Aufgrund eines alles andere als glücklichen Verwaltungs- und Finanzmanagements wurden bei  der AEB-Müllverbrennungsanlage, der größten der Niederlande, offenbar Wartungsintervalle und Revisionen nicht eingehalten. „Es wurde extensiv auf Verschleiß gearbeitet, um die Bilanzen aufzuhübschen“, so ein Insider. Das sei auch eine Zeitlang gut gegangen- bis angeblich „die schulterklopfende  Laxheit endete“ und strengere Kontrollkriterien griffen.

Die herbe Folge: Vier der sechs „Verbrennungslinien“ mussten am 5. Juni 2019  stillgelegt werden. Ihr technischer Zustand war so schlecht, dass ein Weiterbetrieb selbst unter großzügigsten Auslegungen unmöglich war. Dadurch stand AEB de facto kurz vor der Insolvenz. Nicht nur 70 Prozent der Verarbeitungskapazität fielen auf einen Schlag weg, auch mit der Stromerzeugung kam AEB ins Hintertreffen. Kontrolliert abgeschaltet werden musste auch der 2007 in Betrieb genommene Hocheffizienzkessel- das produktivste  „Paradepferde“ der Großanlage.

2017 hatte AEB mit dem Verkauf von Strom  noch fast  36 Millionen Euro umgesetzt. Nach dem Abschalten der Öfen kamen hingegen Forderungen auf das Unternehmen zu, weil vertraglich zugesicherte Mengen nicht geliefert werden konnten. Beziehungsweise es musste teurer Strom auf dem freien Markt eingekauft werden, um den Lieferverpflichtungen nachzukommen. Beides ging in den deutlichen siebenstelligen Bereich- die Sanierungskosten für die desolaten Öfen kam „on top“ dazu. Nur mit Notkrediten (insgesamt 80 Millionen Euro, davon 35 bisher in Anspruch genommen)  konnten die „Verbrennungslinien“ inzwischen wieder aktiviert werden.

Angesichts solcher offenkundigen Missstände litt auch das Betriebsklima, wie sich denken lässt. Die höflichste Antwort der Mitarbeiter auf die Frage, wie man über das Management denke, ist derzeit ein vielsagendes Achselzucken. Nicht erkennbar positiver sind Mitarbeiterreaktionen, wenn nach dem Krisenmanagement der Stadtverwaltung gefragt wird. In niederländischen  örtlichen Medien wird Letzteres als „unnachahmlich“ bezeichnet.  De facto fehlte es an einer klaren Linie.

Interesse an AEB  ist bei anderen Entsorgern ganz offensichtlich vorhanden. Beim jüngsten Verkaufsversuch im Sommer vergangenen Jahres gab es neun positive Reaktionen. SUEZ, in den Niederlanden mit einer Dependance vertreten, gehört aber nicht dazu.

Interessant ist AEB, weil das Unternehmen ein nicht zu unterschätzender Aktivposten der Energieversorgung in den Niederländen ist- Ein Prozent des gesamten Strombedarfs wird in der MVA des Betriebes erzeugt. Das macht die AEB aber noch nicht zum Schnäppchen. Neben einer teilweise  demotivierten Mitarbeiterschaft würde ein Unternehmen eingekauft, das sich mit dem sinnbildlichen grünen Zweig schon länger schwer tat. Entgegen den offiziellen AEB-Bekundungen, das Unternehmen sei “auf dem Weg, finanziell gesund zu werden”, offenbart sich tatsächlich ein eher düsteres Lagebild. Analysen von KPMG legen laut der Zeitung „Het Parool“  nahe, dass AEB bereits vor der Abschaltung der Verbrennungsanlagen in finanzieller Not war.

Mit anderen Worten: So richtig rund lief es bei dem Kommunalunternehmen eigentlich schon seit längerer Zeit nicht. Außerdem endeten die meisten AEB-Liefer- und Dienstleistungsverträge im Jahr 2022. Einschließlich des Vertrages mit der Stadt Amsterdam, die bis dato „aus grundsätzlichen Gründen“ keine Verlängerung beschlossen hat. Allein die niederländische Metropole stellt 15 Prozent  der Verbrennungsmengen.

Das sieht nicht danach aus, als wären Spitzengebote zu erwarten. Die Stadtverwaltung Amsterdam  hat verlauten lassen, sie wolle die AEB bis Ende dieses Jahres loswerden. Es fragt sich nur, zu welchem Preis- und ob er Sicht der Stadt „gut genug“ ist.

khg

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