Eine solche Katastrophe hat Deutschland bisher noch nicht erlebt

Eine solche Katastrophe hat Deutschland bisher noch nicht erlebt

150 150 Klaus Henning Glitza

Plastikmüll verseucht die Schlei: Der desaströse Umweltskandal von Schleswig und seine Hintergründe

 

Es ist eine Umweltkatastrophe, wie sie Deutschland in dieser Form nicht bislang nicht erlebt hat. Die Schlei, der grüne Arm der Ostsee, ähnelt auf weite Strecken einer Müllkippe. „Millionen von Plastikteilen verschmutzen das gesamte Ufer“, berichtete der NDR. Von „erschreckenden Mengen“ sprach Landesumweltminister Robert Habeck. Experten sagen, es werde Jahre dauern, die Folgen dieser Katastrophe zu beseitigen.

Ein Bild der Vergangenheit: Die Schlei. ein Naturidyll und ein einzigartiger Lebensraum für Mensch und Tier. All dies ist durch die jüngste Umweltkatastrophe bedroht. Foto: Werner Raschke / pixelio.de

Monatelang, vielleicht sogar ein ganzes Jahr lang, sind über die Schleswiger Kläranlage Kunststoffpartikel in den Meeresarm eingeleitet worden. „Die Schlei-Sauerei mit den Plastik-Abfällen“, titelte die Berliner Zeitung. Über 25 Kilometer, das entspricht rund 100 Kilometer Küstenlinie, sieht der grüne Arm der Ostsee wie eine gigantische Deponie aus. Besonders betroffen: Ein naturbelassenes Stück östlich der Kläranlage und der Ferienhaussiedlung Winningmay- ausgerechnet.

Schlimm: Niemand will jetzt die Verantwortung übernehmen. Die Stadtwerke Schleswig und die zur Rethmann-Gruppe gehörende Recyclingfirma Refood versichern, sich gegenseitig die Schuld in die Schuhe zu schieben. Nicht minder schlimm: Die örtlich zuständigen Aufsichtsbehörden wussten zeitweise Bescheid- und taten nichts. Sie sollen sogar versucht haben, den Skandal unter der Decke zu halten. Wenn dem so ist, wäre es ein mit normalen Maßstäben nicht erklärbares Verwaltungsversagen der übelsten Art.
„Die Ufer der Schlei sehen aus wie mit Konfetti übersät. Auf den Stränden, im Schilf, in den Gräben: überall fingernagelgroße Kunststoffschnipsel“, macht SPIEGEL-online das Ausmaß der Umweltkatastrophe deutlich. „Die werden wir nie wieder ganz los“, zitiert das Medium Werner Kuhr, den Vogelwart der Halbinsel Reesholm. Und der Naturschützer ahnt: „Wenn die Vögel im April aus Südafrika heimkehren, können die hier nicht mehr brüten.”
Die Schlei ist zudem ein beliebtes Tourismusziel. Neben Urlaubern aus aller Welt nutzen insbesondere Kieler und Hamburger für einen erholsamen Tagesausflug oder Wochenendtrip. Der Ostseefjord- ein Stück schönster Natur, das gerade Großstädtern einen wichtigen Kontrast zum hektischen Treiben in den Citys bietet. Ganz klar, dass sich die Menschen an der Schlei auf den Tourismus eingestellt haben und in vielen Fällen von ihm leben. „Das alles droht jetzt wegzubrechen“, sagt ein Ferienwohnungsvermieter. Und er fügt hinzu: „Dann stehen wir vor dem Nichts. Wir haben hier Natur, Natur, Natur und dann kommt lange Zeit gar nichts“. Außer demnächst Hartz IV?
In die Schlei geraten sind die Partikel durch alternative Energiegewinnung, die an sich zu begrüßen ist. Sofern sie so läuft, wie es ein sollte. Das aber war in Schleswig ganz und gar nicht der Fall. „Das Verfahren war allzu alternativ“, so formuliert es ein Insider.
In Schleswig wird Energie aus Biomasse, sprich organischen Abfällen, gewonnen. Vereinfacht ausgedrückt: Beim Gärungsprozess entstehen unter anderem Faulgase, die über Generatoren zur Stromerzeugung genutzt werden können. Allerdings hatte das „Ausgangsmaterial“ von Schleswig denkbar wenig mit Bio zu tun. Spätestens seit Januar 2017 wurden dem Gärgut „Fremdkörper“, nämlich „geschredderte Verpackungen von Schinken, Joghurt oder Tiefkühlpizza“ (SPIEGEL-online) beigemischt. Mit anderen Worten: Die bundesweit zusammengesammelten Lebensmittel wurden erst gar nicht von ihren Verpackungen befreit, sondern so wie sie waren gewissermaßen durch den Wolf gedreht. Aus Biomasse wurde dadurch stark belasteter Müll, der eigentlich in die gelben Säcke gehört und separat recycelt werden müsste. Nicht so in Schleswig, da wurde auf Kosten der Menschen und der Natur „entsorgt“. „Ein Riesenskandal in Zeiten, in denen unsere Umwelt, der Lebensraum der Menschen, vor giftigen Stoffen nur so starrt- und die Gefahr besteht, dass wir unseren Kindern und Kindeskindern eine vermüllte Welt hinterlassen“, so ein ausgewiesener Naturschützer.

“Ich bin der Meinung, dass dieses Verfahren verboten werden muss“, geht Landesumweltminister Robert Habeck auf die Vermengung von abgelaufenen Lebensmitteln und deren Plastikverpackung ein. Foto: Land Schleswig-Holstein

Die kunststoffbelastete „Biomasse“ wurde von der Firma Refood GmbH & Co. KG angeliefert. Refood ist eine Tochterfirma der Saria Bio-Industries AG & Co. KG, die wiederum -ebenso wie REMONDIS- einer der drei Geschäftsbereiche des Rethmann-Konzerns. Laut Wikipedia ist das Unternehmen mit der „Einsammlung und Verwertung von Küchen- und Speiseresten, gebrauchten Speiseölen sowie Lebensmittelresten aus der Nahrungsgüterproduktion und dem Handel.“ Ein Millionengeschäft- doch Umsatzzahlen werden nicht veröffentlicht.

Die Überbleibsel des Gärungsprozesses leiteten die Stadtwerke in die Schlei. Eigentlich wäre das nicht gar so schlimm gewesen, hätte es sich wirklich im organische Substanzen gehandelt. So aber wurde Plastikmüll auf eine allzu alternative und gemeingefährliche Art entsorgt. In Basel, wo die Firma Sandoz AG vor mehr als 30 Jahren eine Umweltkatastrophe auslöste, hätte man dazu „Rhein damit“ gesagt.
Stadtwerke und Refood zeigen jetzt gegenseitig mit den Fingern aufeinander. Die Stadtwerke berufen sich darauf, dass vertragsgemäß der Recycler Fremdbestandteile hätte entfernen müssen. Im festen Glauben an das Gute im Lieferanten wurde offenbar die angelieferte „Pampe“ deshalb erst gar nicht untersucht. „Im Schnitt drei große Tanklaster kamen pro Tag in Schleswig an und pumpten die Biomasse über einen Schlauch direkt in die Anlage“, beobachteten die Schleswiger Nachrichten. „Man fragt sich schon, ob man es in der Kläranlage, auch bevor die neue Filterstufe eingebaut wurde, nicht hätte sehen können. Aber ich bin kein Techniker“, wunderte sich Umweltminister Habeck laut Schleswiger Nachrichten. Und selbst die Umweltbehörde des Kreises zeigte sich -so SPIEGEL-online erstaunt- „dass bei den Stadtwerken niemand gemerkt hat, was im Gange war”.
Aussage gegen Aussage. Das Übliche, wenn man sich aus der Verantwortung stehlen will. „Gab es am Ende zwei Verträge?“, fragen sich deshalb Beobachter der Szenerie. Oder gab es sogar mündliche Vereinbarungen, von denen Externe nichts wissen sollten? Oder haben Personen, die etwas wussten, wohlweislich geschwiegen? Dies sind durchaus spannende Fragen, die sich aber nicht aus dem Vertrag herleiten lassen. Denn beide Parteien weigern sich, die Vertragswerke offenzulegen. Sie seien geheim, heißt es. Ein Geheimnis auf Kosten der Natur?
Ein Hin und Her, ein „Rumgeeiere“ nach dem Motto „Keiner will es gewesen sein“. Doch auch die zuständigen Behörden haben sich auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Für die Kreisumweltbehörde, die Wasserproben am Ausgang der Kläranlage nahm, war immer alles top und super in Ordnung. Kein Wunder: Plastikpartikel standen nicht auf der Agenda und wurden erst gar nicht untersucht. Dabei waren sie nicht so mikroartig, dass sie nicht allein mit bloßem Auge zu entdecken waren.
Wer auch immer an welcher Stelle versagte, Faktum ist, dass erst die Umweltschutzorganisation BUND die Umweltkatastrophe publik machte. Dabei hatten mehrere Anwohner verdächtige Plastikfunde den örtlichen Behörden gemeldet.
Für die Stadtwerke und die Rethmann-Tochter geht es um viel, sehr viel Geld. Auf den tatsächlich Verantwortlichen an der Umweltkatastrophe, die Naturschützer als „Seveso II“ bezeichnen, kommen Millionenforderungen zu. In der Entsorgungsbranche geht das Gerücht um, bei Rethmann bilde man bereits vorsorglich Reserven und habe auch deshalb den DSD-Kauf vorläufig abgesagt. Für diese sich hartnäckig verbreitende Variante hat EM. DAS ENTSORGUNGSMAGAZIN allerdings keine Anhaltspunkte gefunden.
Das Landeskriminalamt Schleswig-Holstein hat die Ermittlungen aufgenommen. Es werde in alle Richtungen ermittelt, so ein Insider aus Kiel. Gibt es Verdachtsmomente, die über Straftaten gegen die Umwelt hinausgehen?
Für Refood könnte sich der Skandal auch in anderer Hinsicht negativ auswirken. Landesumweltminister Habeck erneuerte gegenüber den Schleswiger Nachrichten noch einmal seine Kritik daran, „dass es überhaupt erlaubt ist, Lebensmittel samt Plastikverpackungen zu schreddern“ Den „Fall hier“ werde er zum Anlass nehmen, das Thema bei der nächsten Umweltministerkonferenz auf Bundesebene zu besprechen.
Habecks Stimme hat Gewicht. Seit dem 27. Januar 2018 ist der Politiker und Schriftsteller auch Bundesvorsitzender des Bündnis 90/ Die Grünen. Ein Mann, der über die Landesgrenzen hinaus Gehör findet.
EM. DAS ENTSORGUNGSMAGAZIN bleibt für seine Leser am Ball.
  • nid/khg/tm
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