Düsseldorfer entscheiden morgen, wie es mit dem “Grünen Punkt” weitergeht

Düsseldorfer entscheiden morgen, wie es mit dem “Grünen Punkt” weitergeht

150 150 Klaus Henning Glitza

Morgiger Verkündungstermin des Oberlandesgerichtes: Ein D-Day der Branche und von REMONDIS?

 

Düsseldorfer entscheiden morgen über das Schicksal des in Köln ansässigen Dualen System Deutschland.  Wird das Unternehmen,  besser als „Grüner Punkt“ bekannt,  künftig ein Teil des REMONDIS-Konzerns oder wird es erneut zum Verkaufskandidaten? Am Mittwoch bricht der Tag der Wahrheit an. Ein D-Day, ein Decision Day der Branche.

Wie bereits berichtet, wird der 6. Kartellsenat des Oberlandesgerichts Düsseldorf über die Beschwerde des REMONDIS-Konzerns gegen die Untersagung der Fusion mit dem Dualen System entscheiden. Die Richter haben es sich nach EM-Informationen nicht leicht gemacht.

Abwägung der Argumente

Zwei Argumentationsketten galt es abzuwägen:

  1. die von REMONDIS, dem Weltkonzern mit Sitz im westfälischen Lünen. Dessen Kartellrechtler haben unter anderem dargelegt, dass DSD sei -nachdem Großkunde ALDI von der Fahne ging, gar nicht mehr das größte duale System in Deutschland sei und von  BellandVision überflügelt wurde.
  2. die des Bundeskartellamtes. Die behördlichen Juristen und Wirtschaftsfachleute führen sinngemäß an, dass dadurch aus einem Riesen kein Zwerg geworden wäre und die Risiken für den Wettbewerb und die Verbraucher (drohende Preiserhöhungen) nahezu unvermindert fortbeständen. Schlagendes Argument aber ist die Situation im Altglasbereich. Dort sei das duale System aus Köln klarer Marktführer, manche sagen Marktbeherrscher, geblieben. Zwar gab es auch dort Rückgänge, aber dafür ist aber REMONDIS als Betreiber einer Vielzahl von Altglasverwertungsanlagen in diesem Bereich gewachsen.

 „Ob nun 1 und 2 oder 2 und 1 drei macht, bleibt sich gleich“, so formuliert es ein branchenkundiger Insider.

 Längere Verhandlung offenbar überflüssig

Der Verkündungstermin am Mittwoch, Beobachter  rechnen mit einer Dauer von maximal 20 Minuten, und der damit einhergehende Verzicht auf eine klassische Hauptverhandlung, kann nur zwei Hintergründe haben. Entweder ist die Argumentationslinie des Bundeskartellamtes oder die von REMONDIS so schlüssig, dass eine längere Verhandlung überflüssig ist.

Ende der Fahnestange nicht erreicht

Welches Urteil auch immer gefällt wird, das Ende der juristischen Fahnenstange wäre mit ihm noch immer nicht erreicht. Denn beide Seiten, REMONDIS ebenso wie das Bundeskartellamt, können Revision einlegen. Dann entscheidet der Bundesgerichtshof, ob eine Revision zugelassen wird.  Nach EM-Informationen gilt es als sicher, dass der REMONDIS-Konzern, sofern er unterliegt und auch nur der Hauch einer Erfolgschance besteht,  alle zu Gebote stehenden Rechtsmittel ausschöpfen will. Die geplante Übernahme des Dualen Systems Deutschland (DSD) durch den größten deutschen Entsorger REMONDIS prägt, würde somit gewissermaßen in die Nachspielzeit gehen. Eine lange Geschichte wäre damit noch nicht zu Ende erzählt, sondern ginge in die nächste Runde.

Werben um die “Braut” seit 2016

Eine lange Geschichte ist die Übernahme des „Grünen Punktes“ in der Tat. Denn schon seit etlichen  Jahren bemühen sich die Remondianer um die Braut DSD und das Aufgebot zur Elefantenhochzeit. Vermutlich spätestens im Jahr 2016 begannen die ersten ernsthaften Verhandlungen. Dann folgte im September 2018 die öffentliche Verkündung des Kaufs. Eine Transaktion, die bis heute nicht ins Finale gebracht werden konnte, und deren Scheitern selbst ein so kapitalstarkes Unternehmen wie REMONDIS arge Probleme bereiten könnte.

DSD- kein “unbekannter Planet”

Wie DSD funktioniert, das wissen die Lünener aus dem ff. Der „Grüne Punkt“ ist für die Remondianer  alles andere als ein unbekannter Planet, Bis 2003 war der größte deutsche Entsorgungskonzern nicht nur einer der besten Kunden des „Grünen Punktes“, sondern auch Großaktionär. Aus dieser Zeit sind Verbindungen geblieben, die bis dato nicht abgerissen sind. Den heutigen DSD-Chef Michael Wiener und REMONDIS-Topmanager Herwart Wilms verbindet seit Jahren eine enge Freundschaft, Beide betonen, sie würden Privates und Geschäftliches strikt trennen.

Doch obwohl sich die Lünener beim „Grünen Punkt“ auskennen, die erste Wahl war er anscheinend nicht. Zu teuer, viel zu teuer, hieß es in der Lünener Chefetage. In den Verhandlungen wurde deshalb der Preis zum Stolperstein. Mindestens einmal ´schlugen die Remondianer die sinnbildliche Tür krachend zu und ließen die Verhandlungen platzen. Dann kamen, möglicherweise sorgsam gestreute Gerüchte auf, ein Investmentfonds und ein Family Office hätten Interesse. Ob dadurch motiviert oder auch nicht:  Auf jeden Fall ging die sinnbildliche Tür wie von Geisterhand wieder auf und die Lünener kehrten brav zurück an den Verhandlungstisch. Devise: Lassen Sie uns über den Grünen Punkt sprechen- und über Geld.

Andere hatten abgewunken

Zu diesem Zeitpunkt hatten andere schon abgewunken. Ein Konzern, ein französischer Private-Equity-Fonds und eine Bietergruppe aus überwiegend mittelständischen Unternehmen hatten sich absentiert. . „Ich hätte DSD nicht gekauft“. So sagt es ganz unverblümt der Manager eines Unternehmens, das anfangs auch Interesse am Grünen Punkt- Duales System Deutschland (DSD) hatte. Zu teuer, zu viele Leute, und viele von denen auch noch mit mehr als komfortablen Gehältern aus Monopolzeiten. Dazu noch persönliche Interessen von Miteigentümern.

Duales System gebraucht- ohne Wenn und Aber

Für REMONDIS, den Branchenprimus, spielten hingegen solche Überlegungen heute keine Rolle mehr. Ob teuer oder nicht. Ob mit personellem Overhead oder nicht. Der Konzern braucht ein duales System. Ohne Wenn und Aber. In Lünen weiß man sehr wohl: Ohne eigenes Rücknahmesystem kann die angestrebte Marktdominanz und die weitere Expansion nicht gelingen.

EKO-Punkt und die Basta-Entscheidung

Oder besser gesagt: Der Marktführer aus dem westfälischen Lünen braucht wieder ein duales System. Denn bekanntermaßen hatte er ja mit EKO-Punkt bereits ein solches. Doch am 31. Dezember 2014 wurde dieses duale Inhouse-System eingestellt. Eine bei REMONDIS nicht unübliche Basta-Entscheidung, die selbst Mitglieder des erweiterten Führungskreises bis heute nicht verstanden haben. „Ein schwerer Fehler“, urteilt ein Insider. In Konzernnähe.

Begründet wurde das Einstampfen des dualen Systems EKO-PUNKT mit den bekannten Tricksereien einiger Dualer- Stichwort betrügerisches Wegdefinieren von Mengen. In besonderem Maße wurde dies von schwärzesten Schafen, die schon gar nicht mehr  am Markt sind, praktiziert. Was so rechtschaffen klang, war in Wahrheit aber eine hochemotionale Entscheidung. Vom „Olymp“, von „Zeus persönlich“, wie es aus informierten Kreisen heißt.  Eine größere Rolle als die Betrugsmanöver hätte aber gespielt, dass EKO.Punkt von Entsorgungsexperten geführt wurde, die auf ihrem Wissensgebiet einsame Spitze waren,  sich aber nicht unbedingt mit den Besonderheiten der dualen Systeme ausgekannt haben sollen. So sagen es zumindest Branchenkenner.

Kleineres System wäre zu haben gewesen

Ein kleineres duales System hätte REMONDIS durchaus bekommen können. Ein System, das möglicherweise unter dem Radar des Bundeskartellamtes gelegen, oder aber die Wettbewerbswächter nicht beunruhigt hätte.  Beispiel: die Europäischen Lizenzierungssysteme (ELS), bekanntermaßen inzwischen abgewickelt. Der Insolvenzverwalter hatte mit dem Verkaufsargument gelockt, es würde ein bundesweit zugelassenes System erworben, das neue Genehmigungsverfahren überflüssig mache. Nach Übernahme hätte ELS umbenannt werden können, so sein Vorschlag.

ELS war nicht der einzige mögliche Kandidat Mindestens ein weiteres System in dieser Größenordnung hatte Verkaufssignale in interessierte Kreise gefunkt.  Doch klein-klein, das  wollten die Lünener nicht. „Groß will groß“, wer will das einem Konzern, einem „Global Player“  verdenken?

“Groß woll groß”

„Groß will groß“, das hätte auf den Erwerb von Tönsmeier zugetroffen. Doch da kamen die Lünener trotz Mega-Interesses nicht zum Zuge und mussten sich einem noch größeren Konzern, der Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland)  geschlagen geben. Wie Insider sagen, habe sich auch hier REMONDIS mit offenbar unternehmenstypischen „Feilschereien“ selbst ausgetrickst. Wäre der Deal gelungen, hätten die Rethmänner theoretisch durchziehen können, was jetzt die Neckarsulmer Schwarz-Gruppe mit PreZero dual durchexerziert,  Ein noch nicht genehmigtes System hätte jedenfalls einen anderen Stellenwert gehabt als der damals noch größte Duale im Lande.

Manpower im Fokus

Zweites Argument: REMONDIS braucht die so genannte Manpower des Grünen Punktes. Denn dass sie etwas vom Geschäftsfeld der dualen Systeme verstehen, hat die DSD-Mitarbeiterschaft DSD eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Aus dem 1991 gegründeten ehemaligen Monopolisten, der sich damals keinerlei Wettbewerb stellen musste, ist ein Unternehmen geworden, dass sich in einem inzwischen auf zehn Systeme angewachsenen, hart umkämpften Marktumfeld, wenn auch Federn lassend,  zu behaupten weiß.  Mit dem hauseigegen Rezyklat „Systalen“ spielt DSD auch in der Innovations-Liga ganz vorne mit.

Für Vieles wäre es zu spät

Um es noch einmal zu betonen: REMONDIS braucht den Grünen Punkt. Ein kleineres System zu erwerben, dafür ist es – Stichwort jahrelange Aufbauarbeit- zu spät. Ebenso zu spät wäre es, erst jetzt mit einem eigenen dualen System durchzustarten. Das Beispiel PreZero dual belegt: Zwei Jahre müssen für die aufwändigen und zeitintensiven Genehmigungsprozeduren gerechnet werden. Einige Bundesländer gehen im Expresstempo vor, andere wiederum eher gemächlich, um es vorsichtig auszudrücken. Doch der Langsamste gibt den Takt vor.  Bekanntermaßen ist ein System erst dann bundesweit genehmigt, wenn alle Bundesländer grünes Licht gegeben haben.

Doch Geduld ist hier kein Maßstab. Denn zwei Jahre oder mehr, das sind Lichtjahre in der Welt der sich stürmisch verändernden Entsorgungs- und Rücknahmesysteme, der Zuge des „Green Deal“ neue Aufgaben und Herausforderungen zuwachsen.

Die “Durchhalteparolen”

Für Max-Arnold Köttgen, den nach Ludger Rethmann zweiten Mann in der REMONDIS-Führungsetage, wird die Causa DSD zunehmend zur Schicksalsfrage. Wie bereits berichtet. hatte der Macher die Bedenken seines Vorstandskollegen Thomas Conzendorf negiert und bis zum Schluss Zuversicht ausgestrahlt. Obwohl auch auf höchster Ebene bereits Zweifel laut wurden. Noch kurz vor der Untersagung hatte Köttgen kommuniziert, er könne mithilfe der Kartellrechts-Coryphäe Dr. Ingo Brinker die Bonner Wettbewerbswächter umstimmen. Eine Illusion, wie man heute weiß. Oder eine Durchhalteparole, wie es Insider formulieren.

Die Folgen für den Mehrheitseigentümer

Für die Londoner H.I.G Capital International Advisors Ltd., den Mehrheitseigentümer von DSD, ist die spannende Frage, würden ein anderer Interessent nochmals die gut 148 Millionen Euro bezahlen? Wohl kaum, konstatiert  ein Insider. „Die haben einen guten Namen und eine Marke“, sagt er. Beides zusammen gibt aus seiner Sicht keine dreistellige Millionensumme her. Die zahle nur jemand, der das System zwingend braucht, um weiter zu expandieren, und zudem das nötige „Kleingeld“ in der Hinterhand halte. Außerdem, so heißt es, halte H.I.G. Capital nicht „für umsonst still“. “Gratis“, das wäre nicht die feine englische Art.

Ein billigerer “Grüner Punkt”

Eine weitere Rolle spielt ein Vertragspassus, mit den REMONDIS sich verpflichtet hat, bei einer endgütigen kartellrechtlichen Untersagung des Fusionsvorhaben eine zweistellige Millionen als Vertragsstrafe zu zahlen. Ursprünglich wollte REMONDIS die kartellrechtlichen Risiken der H.I.G.-Seite zuschieben, es aber daran scheiterte, dass die Konzernspitzen in den knochenhart verhandelnden Engländern ihre Meister fanden.

H.I.G.s  ausgeprochen günstige Position

Für H.I.G, ergibt sich daraus eine ausgesprochen günstige Position. Scheitert die Elefantenhochzeit auch in zweiter Instanz, könnte DSD um einiges günstiger angeboten werden. Dadurch kämen erneut Interessenten in den Fokus, die vorher- des hohen Preises wegen- abgewunken hatten. Diese Interessenten dürften vor allem im Bereich von Private-Equity-Companys, Family Offices oder mittelständischen Bietergruppe zu finden sein. Denn andere große Entsorgungskonzerne oder einschlägige Bietergruppen hatten sich nach anfänglichem Interessen eben wegen der absehbaren kartellrechtlichen Risiken zurückgezogen. Eine durchaus realistische Sichtweise.

Wie auch immer: Morgen wissen wir alle mehr. Morgen, am D-Day der Branche und auch von REMONDIS.

khg

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