DSD- Deal: Verschoben, aber nicht aufgehoben

DSD- Deal: Verschoben, aber nicht aufgehoben

150 150 Klaus Henning Glitza

„Dringender Nachverhandlungsbedarf“ / ALDI und Personal springende Punkte / VKU übt herbe Kritik

 

Verschoben, aber nicht aufgehoben. Das für diesen Montag geplante Signing zwischen dem REMONDIS-Konzern und den Mehrheitsgesellschaftern des Grünen Punktes- Duales System Deutschland (DSD), den Finanzinvestoren H.I.G. Capital und Bluebay, ist kurzfristig abgesagt worden. Dies haben Recherchen von EM ergeben. Auch der Branchendienst EUWID hat in diesem Sinne berichtet.

 Grund für die Verschiebung ist internen Informationen zufolge „dringender Nachverhandlungsbedarf“. Nach einem Bericht von EM über Personalreduzierungen um annähernd drei Viertel, war es in der Belegschaft zu ausgemachter Unruhe gekommen. „Die Zeichen stehen auf Sturm“, so ein Insider.  EM bedauert die Verunsicherung der Mitarbeiter ausdrücklich und versteht die damit ausgelösten Zukunftsängste. Es wäre aber niemand damit geholfen, wenn die aus zuverlässiger Quelle übermittelten Informationen unterdrückt würden.

Einzelne Beschäftigte haben sich direkt an unsere Redaktion gewandt. Während ein DSD-Mitarbeiter des mittleren Managements die EM-Nachrichten als „unfassbar“ bezeichnete, betonten Andere, dass ihnen rechtzeitige Informationen bei der Einschätzung der Lage hälfen.  Von keinem der Beschäftigten wurde im Übrigen bestritten, dass die Übernahme durch REMONDIS bevorsteht und dies trotz der Geheimhaltungspolitik der Führungsriege das beherrschende Thema im betrieblichen Flurfunk ist.

Der „dringende Nachverhandlungsbedarf“ bezieht sich nach EM-Informationen auf genau diese Personalreduzierungen der Arbeitsebene, aber auch des mittleren und höchsten Managements. Wie unser Medium erfuhr, sollen die Topmanager, die ja immerhin 20 Prozent der DSD-Anteile halten, „Garantien fordern“. Wie verlautet, wollen sämtliche Angehörigen Führungsetage im Amt bleiben. Lediglich ein Manager hatte vor kurzem den DSD-Führungskreis verlassen, es ist aber unklar, auch welchen Gründen dies geschah.

Grund zur Sorge besteht nach Einschätzung zuverlässiger Quellen durchaus. REMONDIS plane, wie es in solchen Fällen üblich ist, Neubesetzungen mit eigenen Leuten, Ziel: „Innere Widerstände“ zu beseitigen, den „künftigen Kurs optimiert mit erwiesenermaßen REMONDIS-orientierten Leuten  zu bestimmen“ und „insgesamt den Personalkörper zu straffen“. Das Topmanagement muss sich verständlicherweise besser absichern, da ihre Geschäftsanteile nach glaubwürdigen Informationen an REMONDIS übergehen werden.  Der Übergang von 100 Prozent der Anteile würde die Topmanager von Gesellschaftern zu normalen leitenden Angestellten machen. Besonders betroffen wäre vermutlich CEO Michael Wiener, der den Bärenanteil der Anteile halten soll.

 Ein zweiter Knackpunkt ist offenbar die künftige Rolle des Großkunden ALDI. Der Riesendiscounter hat sich bisher bezüglich eines weiteren Vertragsverhältnisses mit DSD in auffallender Weise bedeckt gehalten und -wie bereits berichtet-kein Go signalisiert. ALDI, so ist erneut zu hören, ist sich unsicher, ob die Zusammenarbeit mit einer REMONDIS-Tochter dem angestrebten „grünen Image“ der Discounterkette zuträglich ist.  Über die Hintergründe dieser möglichen Vorbehalte wurde auf EM-Anfrage von der ALDI-Pressestelle keine Angaben gemacht.

Inzwischen haben sich Hinweise haben sich verdichtet, dass ALDI erst einmal abwarten will, ob REMONDIS den Grünen Punkt erwirbt oder ob das größte Rücknahmesystem wie gehabt, das heißt unter den jetzigen Mehrheitsgesellschaftern, weiterläuft. Aufgrund der zweijährigen zähen und mehrfach als gescheitert erklärten Verhandlungen mit REMONDIS war in Kreisen der Finanzinvestoren temporär erwogen worden, DSD solange in Eigenregie weiterzuführen, bis sich ein anderer Käufer findet oder das bestehende Kaufangebot nachgebessert wird.

Eine Verabschiedung von ALDI aus dem Kreis der DSD-Kunden würde aber den Wert des Rücknahmesystems erheblich mindern. Unlängst war ein anderer Großkunde, nämlich LIDL, seinen Ausstieg aus dem Dualen System Deutschland erklärt und war zum Konkurrenzunternehmen Interseroh gewechselt. Ein herber Verlust, denn LIDL stand für jährliche Lizenzmengen von etwa 150.000 Tonnen. Würde auch ALDI diesen Weg gehen und ausscheiden, wäre der Marktwert von DSD nochmals geschwächt. Nach zuverlässigen Informationen geht in den höheren Etagen von REMONDIS die Furcht um, es werde „weit über Wert eingekauft“. Geld zu verbrennen sei noch nie die Politik des Lünener Unternehmens gewesen, bilanziert ein Insider.

Branchenkenner halten es nicht für ausgeschlossen, dass die Entscheidung von ALDI noch abgewartet werden soll. Wenig Zweifel bestehen aber daran, dass der Deal „unter welchen Konditionen auch immer“ dennoch zu Stande kommt. Eventuell ist nunmehr an den britisch-amerikanischen Finanzinvestoren, „Nachbesserungen“ zu veranlassen. Die Option, dass es noch in dieser Woche zum Signing kommt, wird von involvierten Kreisen nach wie vor nicht dementiert.

Unter der Überschrift „Polterabend bei der Elefantenhochzeit? Oder wie ein Elefant im Porzellanladen?“ hat inzwischen der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) zum geplanten Deal kritisch Stellung bezogen.

Mit der Fusion von Remondis und DSD könnte viel Porzellan zu Bruch gehen, erklärt der Vizepräsident des Verbandes, Patrick Hasenkamp. „Die Konzentration auf dem Entsorgungsmarkt sehen wir schon seit einiger Zeit kritisch“. so der VKU-Repräsentant. In den vergangenen Jahren habe Remondis viele kleine und mittelständische Entsorger aufgekauft. Der Wettbewerb sei in einigen Regionen zum Erliegen gekommen. Die Folge: eine Marktkonzentration, die sowohl die Branche als auch mittelbar Bürgerinnen und Bürger belaste. „Denn, diese Faustregel liegt nahe: Wenn es nur einen Bewerber auf eine Ausschreibung gibt, kann dieser buchstäblich die Bedingungen diktieren“, betont Hasenkamp.

Wenn sich den Worten des VKU-Vizepräsidenten zufolge nun Remondis und DSD zusammenschlössen, könnten sich die beiden Unternehmen gegenseitig mit maßgeschneiderten Angeboten versorgen und damit auch den Preis für die Verpackungsentsorgung beeinflussen, den die Verbraucher zahlen. Dieser Entwicklung müsse unbedingt entgegengewirkt werden.

„Das Timing mutet schon abenteuerlich an und lässt hellhörig werden, da inzwischen zwei Sektoruntersuchungen des Bundeskartellamtes zum Wettbewerb in der Entsorgungswirtschaft laufen, so die Bewertung von Patrick Hasenkamp. Die Frage liegt auf der Hand, wie sich das Bundeskartellamt mit der geplanten Fusion substantiell beschäftigen will, solange diese Untersuchungen nicht abgeschlossen und der Konzentrationsprozess umfassend bewertet wurden. Der Vizepräsident: „Wir wünschen uns einen gründlichen und äußerst kritischen Blick der Kartellwächter auf die Übernahme.“

rd/nic/khg

 

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