Die große Frage: Sack oder Tonne?

Die große Frage: Sack oder Tonne?

150 150 Klaus Henning Glitza

Beide Formen haben Vor- und Nachteile / Aktuelle EM-Umfrage bei dualen Systemen und Entsorgern

 

 

Bei der Abholung der Gelben Säcke erweisen sich viele Müllwerker als wahre Transportkünstler. Foto: Zweckverband Abfallwirtschaft Region Hannover

 

Gelber Sack oder Gelbe Tonne- diese oft emotional aufgeladene Frage stellt sich in zahlreichen Entsorgungsgebieten. Zweifellos: Beide Entsorgungsarten verkörpern kein Idealbild, sie haben gleichermaßen Vor- und Nachteile. Wie sehen das duale Systeme und Entsorger? EM startete eine Umfrage.

Immer dann, wenn die Gelben Säcke vom Winde verweht, die Inhalte in der Umgebung verstreut werden oder hungrige  Tiere sich an ihnen zu schaffen gemacht haben, wird er laut: der Ruf nach der Gelben Tonne. Aus Sicht der Verbraucher ist das zu verstehen. „Flötige“ Gelbe Säcke, die schon beim Abreißen kaputtgehen, sich bei Starkwind selbstständig machen oder Schädlinge anlocken – das ist immer ein großes Ärgernis. Zumal dabei das eigene Grundstück und der öffentliche Raum verschmutzt werden.  Gediegen, stabil und standfest wirkt dagegen die Gelbe Tonne.  Aber ausschließlich Vorteile aufzuweisen, das hat sie nicht.

Fangen wir mit der Platzfrage an. Ein großer Nachteil der Gelben Tonnen ist, dass sie immer in ihren kompletten Ausmaßen präsent ist,  selbst wenn sie nicht befüllt ist. Gelbe Säcke nehmen dagegen erst dann richtig Platz in Anspruch, wenn sie genutzt werden. Und: Fallen mehr Abfälle an, wird einfach ein zusätzlicher Sack von der Rolle gerissen. Zudem:  Das Volumen der Tonnen ist begrenzt, „während man bei den Gelben Säcken grundsätzlich so viele bekommen kann, wie benötigt werden“, wie Norbert Völl, Pressesprecher des Dualen Systems Deutschland  (Grüner Punkt) erläutert.

Dünn, aber aus gutem Grund

Ja, dünn seien die Gelben Säcke durchaus, aber das habe seinen Sinn, sagt Thomas Mehl, Geschäftsführer des dualen System BellandVision. Für den eigentlichen Zweck, die so genannten Leichtverpackungen (LVP), also Verpackungsabfälle aus Kunststoff, Metall und Verbundstoffen. reiche das aber. Schwerere Abfälle, die nicht in die gelben Säcke gehören, fachsprachlich Störstoffe genannt, fallen dagegen durch. Zudem seien die gelben Säcke transparent, so das Fehlbefüllungen schon bei der  Abfuhr erkannt werden können.

Das genau sei einer der Gründe, die laut Mehl gegen die  gelbe Tonnen sprächen. . Werden Störstoffe ganz  unten in den Müllgefäßen platziert, ließen sie nur entdecken, wenn die gesamte Tonne auf den Kopf gestellt würde. Aus Sicht des BellandVision-Chefs liegt das Motiv für solche Fehlbefüllungen vor allem in Kostengründen. Überall, wo Identsysteme und/oder  die Verwiegung der Restmüllmengen praktiziert wird, steigt nach seinen Beobachtungen der Störstoffanteil besonders gravierend.

Die Fehlwurfquote schnelle aufgrund der fehlenden Transparenz nach oben, weil der Inhalt schlecht „kontrollierbar“ sei, das bestätigt auch Dr. Raffaela David vom dualen System Landbell AG für Rückhol-Systeme.

Zauberwort “Mini-Max”

Mini-Max-Verfahren heißt das Zauberwort, das der Produktion der Gelben Säcke zu Grunde liegt. „So wenig Sack wie nötig, für so viele Verpackungen wie möglich“,  macht das Der Grüne Punkt-  Duales System Deutschland (DSD) auf seiner Internetseite deutlich. „Sie sollen Konservendosen, Getränkedosen, Joghurtbecher, Tuben und ähnliche Verpackungen aufnehmen – mehr aber auch nicht.“ Alles andere widerspräche dem Umweltgedanken.  „Klar, die Säcke bekommt man zwar kostenlos, aber irgendwann kommen steigende Produktions- und Entsorgungskosten auch beim Endverbraucher an, und das muss ja nicht sei“, heißt  es auf  der DSD-Homepage.

Gestapelte Gelbe Säcke bei einem Entsorgungs- und Recyclingunternehmen. Foto: K H Glitza

Dr. Raffaela David, Head of Marketing & PR von Landbell, stellt explizit  die Vor- und Nachteile gegenüber. Für die  Gelben Säcke spricht aus ihrer Sicht die unkomplizierte Lagerfähigkeit und Flexibilität, die Transparenz  (Fehlbefüllungen können  leichter erkannt werden), das geringe Gewicht (leicht zu transportieren) und die Hygiene (die Nutzung erfolgt immer mit neuen, sauberen Säcken).

Häufig zweckentfremdet

Zu den Nachteilen der „Gelben Sack Sammlung“ zählt Dr. David  neben der geringen  Reißfestigkeit (sowohl bei der Nutzung als auch bei der Entsorgung ) sowie  Verwehungen und Aufreißen bei Starkwind und Beschädigungen durch futtersuchende Tiere  und die häufige Zweckentfremdung, beispielsweise für Altkleidersammlungen. „Außerdem werden die Säcke häufig zweckentfremdet, was zu einer „übermäßigen Produktion von Säcken“, führe.  Die dadurch entstehenden Produktionskosten würden durch die Verteilkosten noch weiter gesteigert.

Unternehmen müssen Mehrkosten tragen

“Diese Mehrkosten müssen die Entsorgungsunternehmen tragen, die diese an die dualen Systeme weitergeben. Weiterhin kann dies auch zu verzögerten Lieferungen und anschließender Verteilung kommen“, so Dr. David. Zusätzliche Nachteile: Säcke werden oft innerhalb des Hauses gelagert was zu erhöhen Geruchsbelästigungen führen kann, besonders im Sommer und Säcke, und  sind bei Fehlbefüllungen weder Personen noch Grundstücken zuordenbar.

Als Vorteile der Behältersammlung  (Gelbe Tonne) nennt Dr. David: Saubere Lagerung außerhalb der Wohnung/Haus,  keine zusätzlichen Kunststoffabfälle durch die Gelben Säcke und ein saubereres Stadtbild. Bei Fehlbefüllungen ist der Grundstückseigentümer eindeutig zuordenbar. Außerdem kann  bei Bedarf als Wertstofftonne erweitert werden und stoffgleiche Nichtverpackungen miterfassen

Dem stehen folgende Nachteile der Behältersammlung (Gelbe Tonne) gegenüber: Neben den  hohe Investitionskosten für die Behälter  (teures Erfassungssystem beim Erstinvest) könne der der erforderliche Platzbedarf kann, gerade im innerstädtischen Bereich, zu Problemen führen, Aber auch das vorgegebene, nicht hat erweiterbare  Volumen sei von Nachteil. Gelbe Tonnen müssen zudem gelegentlich gereinigt werden.

 

Intransparente Tonnen- mehr Fehlwürfe

Der Anstieg der Fehlbefüllungen hat nach Erfahrungswerten aller dualen Systeme neben dem „Spargedanken“ auf Kosten der Allgemeinheit viel mit Mythen und Legenden zu tun. Etliche Verbraucher sind der Ansicht, der in gelbe Tonnen oder Säcke geworfene Hausmüll könne dank innovativer Technik einfach wieder aussortiert werden. Dem ist aber ganz und gar nicht so. Mit Störstoffen kontaminierte Leichtverpackungsabfälle sind in den allermeisten Fällen für das Recycling verloren und können nur noch verbrannt werden. Gerade erst ist eine bundesweite Informationskampagne aller dualen Systeme gestartet worden, die unter dem Motto „Mülltrennung wirkt“ auf die besondere Bedeutung der Sortenreinheit hinweist.

Die Auswirkung steigender Kosten

Allgemein lasse sich beobachten, dass die Sammelmengen vor allem in der Gelben Tonne ansteigen, wenn die Kommune das Restmüllvolumen einschränkt und/oder verteuert, bestätigt Norbert Voll, Pressesprecher des Dualen Systems Deutschland (DSD). „Die zusätzlichen Sammelmengen sind dann nicht unbedingt Wertstoffe. Es kommt daher darauf an, die verschiedenen Sammelsysteme aufeinander abzustimmen, um sowohl den Anteil an Restmüll im LVP-Sammelsystem als auch den Anteil an Verpackungen im Restmüll zu begrenzen“, macht er deutlich.

Höheres Invest bei Tonnen

Auch Zentek hat die Erfahrung gemacht, „dass die Fehlwurfquote im Vergleich zur Sacksammlung deutlich ansteigt“, berichtet Sandra Gaffry von der Marketingabteilung des Unternehmens. „Die Sammelmenge aus Tonnensammlung nahm durch höhere Fehlwürfe an Restmüll und stoffgleichen Nichtverpackungen deutlich zu, das heißt die ursprünglichen Sammelmenge bei Sacksammlung von bisher zirka 28 kg/ Einwohner/ Jahr stieg auf ca. 50 kg/ Einwohner/ Jahr mit einem Fehlwurfanteil von bis zu 35  Prozent“, sagt sie. Außerdem stellt die gelbe Tonne höhere Investitionen dar, was vor dem Hintergrund einer nur dreijährigen Vertragslaufzeit problematisch sei. „Bei der Sacksammlung sehen wir Nachteile durch die Zweckentfremdung der Säcke, wenn sie zum Beispiel  für die Entsorgung für Altkleidern genutzt werden“, so die Zentek-Managerin.

Verschlechterung der Qualität

Von einer deutlich verschlechterten  Qualität der haushaltsnah erfassten Abfälle und Wertstoffe in den vergangenen Jahren spricht auch Boris Ziegler, Leiter Unternehmenskommunikation von PreZero (früher Tönsmeier). Dies ergebe sich aus den Bilanzen der PreZero-Sortieranlagen und gelte sowohl für Gelbe Säcke und Tonnen als auch beispielsweise für die biologischen Abfälle.

Gelbe Säcke böten im Hinblick auf die Qualität der erfassten Mengen deutliche Vorteile – “was sich wiederum positiv auf die Kosten auswirkt”, so Ziegler weiter. Bei der Einführung von Ident-Systemen wanderte Restmüll häufig in die vermeintlich kostenlose Sammlung, stellt PreZero auch im Blick auf die intransparenten Tonnen  fest.

Stabil und standfest: die Gelbe Tonne. Starkwind kann ihr nichts anhaben. Aber auch dieser Behälter hat nicht ausschließlich Vorteile. Foto: Helge May/NABU

Gelber Sack oder Gelbe Tonne. Eine Frage, bei der auch die Kommunen ein gehöriges Wort mitzureden haben. „Gemäß der rechtlichen Vorgaben obliegt die Entscheidung, welches Erfassungssystem zum Einsatz kommt, der Abstimmung zwischen den dualen Systemen und den Kommunen“, teilt Alba-Pressesprecher Henning Krumrey für das duale System Interseroh fest.  Daher gebe es bundesweit verschiedene Sammelsystem-Strukturen. Für die Gebiete mit vorrangiger Einfamilienhaus-Struktur sei sowohl Tonne als auch Wertstoffsack möglich. „Es wird in den verschiedenen Wohn- und Siedlungsstrukturen immer das Sammelgefäß eingesetzt, das in einem festgelegten Regelturnus vom Nutzer optimal genutzt und von uns entsprechend eingesammelt werden kann. Für Haushalte in Einfamilienhäusern hat sich da der Wertstoffsack bewährt“, so Krumrey.

Bedeutung des Nutzerverhaltens

Klar ist nach EM-Recherchen, dass sich die Nachteile der Gelben Säcke durch ein smartes Nutzerverhalten mildern lassen. Punkt 1 ist -wie es DSD auf seiner Internetseite darstellt- die Säcke nicht bis zum Geht-nicht-mehr zu füllen. Gerade bei schwererem Abfallgut wie Dosen kommt es leicht zu einer Überstrapazierung des Materials. Der Sack reißt dann schon beim Schließen. Außerdem: Vorsichtig von der Rolle abreißen. Sonst geht der Sack schon vor der Nutzung kaputt.

EM-Tipp: Wer die Säcke nicht im Haus stehen haben möchte und über einen Schuppen/Verschlag verfügt, kann die LVP-Abfälle auch kleineren Müllbehältern sammeln und dann „portionsweise“ in den Gelben Sack werfen.

Ebenso wichtig: Bei Starkwind sollten die Säcke nicht schon am Vorabend an den Straßenrand gestellt werden. Wer früh zur Arbeit muss, kann erst kurz vor der Abfahrt die Säcke herausstellen. Bedenklich ist die Angewohnheit einiger Nutzer, die  für Montag zur Abholung bestimmten Säcke schon Freitagabend nach draußen zu stellen, weil sie anschließend ins Wochenende fahren.

Stichwort Dosen. Die Deckel solcher Behälter sollten immer nach innen gebogen werden. Das schützt vor Aufreißen, dient aber auch der Arbeitssicherheit und Gesundheit der Müllwerker. Mehrfach ist es  -bedingt durch die Scharfkantigkeit der geöffneten Deckel- zu schlimmen Verletzungen gekommen.

Kreislaufwirtschaft contra Wegwerfmentalität

Egal, ob Gelber Sack oder Gelbe Tonne: Wichtig ist es, das im LVP-Abfallgut steckende Rohstoffpotenzial zu bewahren. Gerade in Zeiten,  in denen die natürlichen Ressourcen unaufhaltsam zur Neige gehen. „Produzieren-Nutzen-Wegwerfen“, das ist ein Modell von vorvorgestern. Kreislaufwirtschaft, die intelligente Wiederverwendung von Produkten und Rohstoffen, ist das Gebot der Stunde und zudem ein oft unterschätzter Beitrag zum Klimaschutz. Funktionieren kann sie aber nur, wenn alle mitmachen. Politik, Wirtschaft- und nicht zuletzt auch die Verbraucher.

khg

 

 

 

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