Der Grüne Punkt und die roten Zahlen

Der Grüne Punkt und die roten Zahlen

150 150 Klaus Henning Glitza

DSD-CEO Michael Wiener räumt Verluste im siebenstelligen Bereich ein

 

Geschwundener  Umsatz, deutlich weniger Personal und rote Zahlen im siebenstelligen Bereich. Diese  wenig positive Bilanz musste der Grüne Punkt- Duales System Deutschland (DSD) eröffnen. 

Die  Nachricht kam von ganz oben. CEO Michael Wiener war es, der gegenüber dpa einräumte, dass das älteste duale System im vergangenen Jahr einen Verlust von sechs Millionen Euro hinnehmen musste. Eine Vielzahl deutscher Medien hat inzwischen darüber berichtet.

Wahrlich keine gute Botschaft, die Michael Wiener zu verkünden hatte, Im Vorjahr 2019  war die Bilanz trotz gesunkener Umsätze noch ausgeglichen gewesen. Doch 2020 forderte der nochmalige Umsatzrückgang auf 400 Millionen Euro seinen Tribut.  Schweren Herzens, wie es offiziell heißt, musste der Grüne Punkt zu einem Rettungsanker greifen, der für die Shareholder gut ist, aber nicht für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und schon gar nicht für das Image:  eine massive Personalreduzierung, EM berichtete.

Keine Überraschung

DSD-Chef Michael Wiener. Foto: Duales System Deutschland.

Für Branchenkreise sind diese Nachrichten wenig überraschend. Dass der einstige Monopolist im freien Wettbewerb mit zehn weiteren dualen Systemen mächtig zu kämpfen hat, ist längst bekannt. Die glänzende Seite der DSD-Medaille hat an Strahlkraft eingebüßt. So bietet  die stets hervorgehobene Markeninhaberschaft des Grünen Punktes  hat nur noch begrenzte Marketingvorteile im immer härter werdenden Wettbewerb. Auch dass der Grüne Punkt das weltweit erste aller dualen Systeme geschaffen hat und damit ein Vorreiter für den Kreislaufgedanken ist, zählt in einer von harten Finanzzahlen geprägten Geschäftswelt  wenig. Und das Hin und Her in der letzten Endes missglückten Fusion REMONDIS-DSD und die bange Frage, wie es aktuell weitergeht, war dem Ansehen alles andere als zuträglich.

Der Bedeutungsschwund

Der Bedeutungsschwund von DSD ist eine schon länger zu beobachtende Entwicklung.  Die satten Marktanteile von früher  und der einstige Spitzenplatz sind nur noch eine schöne Erinnerung. Im gnadenlosen Preiskampf der Systeme hatte das personell überfrachtete und mehrheitlich einem Finanzinvestor gehörende Unternehmen wenig Spielräume. Besonders dramatisch auf die Umsatzzentwicklung wirkte sich der Weggang von Aldis Süd- und Nordgruppen im Jahr 2020, dem bis dahin größten und wichtigsten DSD-Kunden,  aus.

Es ist kompliziert

Aber auch sonst ist die Situation kompliziert genug.  Neue Systeme, wie das von SmurfitKappa, drängen auf den Markt. Die  Schwarz Gruppe  (Lidl, Kaufland) hat sich mit dem milliardenschweren  Rückenwind des größten Handelskonzerns Europas in die Welt der Rücknahmesysteme katapultiert, Stichwort PreZero Dual. Ein Topmanager von PreZero sprach von einem neuen Zeitalter, das nun anbreche. Und letzten Endes ist REMONDIS back. Nach dem Scheitern der geplanten „Elefantenhochzeit“ mit DSD hat der Konzern aus dem westfälischen Lünen sein einst quasi stillgelegtes System EKO-PUNKT reaktiviert.

Die Notbremse

Angesichts dieser Neuordnung des Marktes verwundert es in der Branche niemanden, dass DSD im Blick auf seine unangemessene Personalstärke die Notbremse ziehen musste. Dies geschah auch, weil Investor H.I.G. Capital, vorsichtig formuliert,  unruhig  wurde.  Die Reduktion war schon längere Zeit geplant, doch bislang am zählen Widerstand des mächtigen. tief in der Gewerkschaft verwurzelten  Betriebsrates gescheitert.

Der von oben verordnete  „Kahlschlag“ ist beträchtlich.   Statt der vorher 190 Beschäftigten sind es aktuell noch  140. Schon vor der großen Reduzierung waren einige „Arbeitsplätze sozialverträglich abgebaut worden“, wie aus DSD-Kreisen verlautet.

Zu den betriebsbedingt gekündigten Mitarbeitern zählen nach EM-Informationen viele langjährige Beschäftigte. die zum Teil noch aus Monopolzeiten Gehälter bezogen, wie sie längst nicht mehr marktüblich sind.

Reduzierung- so oder so?

Das Hauptgeschäftsfeld von DSD: Leichtverpackungsabfälle aus den gelben Säcken oder Tonnen. Foto; DSD

Allerdings wäre es auch, wenn die Fusion mit  REMONDIS geklappt hätte, wahrscheinlich zu einer Personalreduzierung gekommen. Und das selbst dann, wenn man Aldi wieder als Kunde zurückgewonnen hätte.   Glaubt man REMONDIS-nahen Kreisen sei der Umzug der DSD-Zentrale vom pulsierenden Köln ins beschauliche Westfalen bereits mittelfristig vorbereitet gewesen. Dort wäre für maximal 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter  Platz gewesen, heißt es.

Nicht betroffen von der  aktuellen Kündigungswelle sind laut dpa „rund 200 Mitarbeiter in zwei Anlagen, in denen aus Abfall Kunststoffgranulat hergestellt wird“. Dort, im thüringischen  Eisfeld  und im nordrhein-westfälischen Hörstel bleibe „die Beschäftigtenzahl stabil“.

Ende der Fahnenstange?

Insider stellen allerdings in Zweifel, ob die reduzierte DSD-„Manpower“ das Ende der Fahnenstange darstellt. Ein weiterer Personalabbau  sei zu erwarten.  wenn sich  die Marktanteile nicht deutlich erhöhten.  Bleibe es dagegen beim derzeitigen Level oder werde dieser weiter unterschritten, seien selbst 140 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter „eindeutig zu viel“, so ein Marktkenner. Seiner Einschätzung zufolge könnte der derzeitige Aufgabenumfang „von 50 Leuten abgearbeitet werden“. Andere Insider halten 90 bis 100 Mitarbeitende für realistisch.

Doch in der derzeitigen Wettbewerbssituation zusätzliche Marktanteile zu generieren, ist eine alles andere als einfache Aufgabe. Der Konkurrenzdruck ist enorm,  schon weil alle Systembetreiber wissen, dass der sinnbildliche  Kuchen nicht groß genug für alle ist.

Sprich, das ist die harte Konsequenz,  einige der Dualen Systeme auf der Strecke bleiben werden.

khg

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