Brancheninfo 07-10/2019

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150 150 Klaus Henning Glitza

„Flach und rund- das Prinzip vom Ölbronn / Michael Wiener:  Die Potenziale der Kreislaufwirtschaft werden völlig unterschätzt

Mit der planmäßigen Inbetriebnahme der neue Rundsortieranlage in Ölbronn (Enzkreis, Baden-Württemberg) im Dezember wird die  SUEZ Recycling Süd GmbH nach Eigenangaben weiter in ein historisch gewachsenes, regionales Sondersammelsystem investieren.

 Das Modell von Ölbronn basiert auf einem besonderen System, das es in einigen Regionen Deutschland neben der konventionellen Sammlung von Verpackungsmaterial in der gelben Tonne oder dem gelben Sack gibt. . So auch im Enzkreis und im Landkreis Ludwigsburg, wo die Bürgerinnen und Bürger seit knapp 30 Jahren nach „flach“ und „rund“ trennen. Als „flach“ gelten dort flache Gegenstände wie Papier/Pappe/Karton (PPK), Folien und Styropor. Zu „rund“ zählen – wie auch hier der Name vermuten lässt – Gegenstände wie Gläser und Dosen, aber auch Kunststoffgegenstände, Metalle und Verbundstoffe. Der Vorteil für die Bürgerinnen und Bürger: Sie sparen Zeit, denn durch das Holsystem erübrigen sich Ausflüge zum Wertstoffhof oder etwa zu Glascontainern auf öffentlichen Plätzen.

Wie die SUEZ Recycling Süd GmbH dazu mitteilt, werden in den Anlagen die gesammelten „flachen“ und „runden“ Abfälle aus einem Umkreis von zirka 100 Kilometern in zwei eigens dafür vorgesehenen Sortieranlagen in Ölbronn, von denen die Rundsortieranlage ab Anfang Oktober errichtet und Anfang Dezember ihren Betrieb aufnehmen wird. Direkt nebenan, am gleichen Standort, befindet sich auch die neue, hochmoderne SUEZ Sortieranlage für Leichtverpackungen (LVP), die jährlich 100.000 Tonnen LVP sortiert. Damit schafft das Unternehmen die Voraussetzung für eine optimale Vernetzung zwischen Rund- und nachgelagerter LVP-Sortierung.

„Vor dem Hintergrund der zu erreichenden Recyclingquoten, die das Verpackungsgesetz (VerpackG) vorgibt, ist es wichtig, eine große Sammelmenge mit hohem Wertstoffanteil zur Verfügung zu haben, die dann effizient sortiert und wieder in den Kreislauf geführt werden kann“, erklärt Jochen Zickwolf, Geschäftsführer der SUEZ Recycling Süd GmbH, die Hintergründe für die Investition in die neue Rundsortieranlage. Nur so könne Recycling gelingen.

Nach Angaben der Managerin Communications & Social Media Manager Communications & Social Media, Louisa Mahr, hätte die „Erfassungsmenge der Wertstoffe durch das gute Zusammenspiel zwischen Sammelkonzept und Sortiertechnik bereits in den vergangenen Jahren weit über dem Landesdurchschnitt“ gelegen. Knapp 36.000 Tonnen Input würden in der neuen Anlage zunächst vorsortiert, um beispielsweise Elektrokleingeräte, Holz oder Textilien auszusortieren, die fälschlicherweise in der Rundsammlung gelandet sind. Anschließend werde Grob- und Feinglas abgeschieden, das zusammen annähernd 40 Prozent des Outputs ausmachen wird. Die Glasfraktion gelange anschließend zu Glasaufbereitern aus der Region oder etwa der SUEZ-eigenen, belgischen Glasaufbereitungsanlage namens High Five, die das Glas in fünf unterschiedliche Farben sortiert und so die Recyclingfähigkeit erhöht.

Übrig blieben etwas mehr als 50 Prozent LVP, die direkt über ein energiesparsames Förderband in die Sortieranlage für Leichtverpackungen gelangen und dort in einzelne, sortenreine Fraktionen noch feinsortiert werden. Für ein werkstoffliches Recycling und eine noch umweltfreundlichere und energieeffiziente Sortierung der Rundabfälle sei dies zwingend erforderlich, so Louisa Mahr.

LM/rd

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Die Potenziale der Kreislaufwirtschaft und ihr Beitrag zum Klimaschutz werden völlig unterschätzt. Dies hat Michael Wiener, CEO des Grünen Punkts-Duales System Deutschland (DSD) deutlich gemacht. Nach seinen Worten  werde die Chance, zur Co2-Reduktion  Kunststoffrezyklate statt neuem Kunststoff in Produkten einzusetzen, kaum genutzt.

Während etwa im Verkehrssektor seit 1990 keine Reduktion zu verzeichnen ist, hatte die Abfall- und Kreislaufwirtschaft bis 2010 mit 56 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten allein ein Viertel der seit 1990 eingesparten Treibhausgase beigetragen, erläuterte Wiener.  Deponien seien geschlossen und die Getrenntsammlung etwa von Verpackungen entscheidend vorangetrieben worden. Einer Studie des Öko-Instituts von 2016 zufolge habe allein die Verwertung von Verkaufsverpackungen 2014 den Ausstoß von 3,1 Millionen Tonnen Treibhausgas vermieden. „Und seitdem ist viel passiert“, ergänzt Wiener. „Der technische Fortschritt geht weiter und die Recyclingquoten steigen an, auch durch das Verpackungsgesetz.“ Entsprechend würden auch die Klimabeiträge durch das Verpackungsrecycling größer werden.

Kunststoffrecycling könnte aber weitaus mehr beitragen, so der DSD-CEO. „Aktuell werden nur geringe Mengen an Kunststoffrezyklaten statt neuem Kunststoff in Produkten eingesetzt. „Dabei wäre da sehr viel mehr möglich, wenn Politik und Industrie mehr für die Entwicklung des Marktes tun würden“, ist Dr. Markus Helftewes, Geschäftsführer Der Grüne Punkt, überzeugt. Kunststoffrezyklate vor allem höherer Qualität seien aktuell teurer als vergleichbare Neuware aus Erdöl. Gründe dafür sind der niedrige Ölpreis und nicht im Preis berücksichtigte externe Kosten, etwa Klimabelastungen durch Treibhausgase. „Nur sechs Prozent der in Europa produzierten Kunststoffe kommen aus dem Recycling“, so Dr. Helftewes, „dadurch entsteht ein Henne-Ei-Problem: Die geringen Produktionsmengen machen Recyclingkunststoff teuer und durch den höheren Preis stagniert die Nachfrage. Dadurch fehlt Geld für die Ausweitung der Kapazitäten.“

Dabei lasse sich nachweisen, dass Recyclingkunststoff gegenüber vergleichbarem neuem Kunststoff bis zu 50 Prozent CO2 einspart. Mehr Recycling könnte daher auch dazu beitragen, die Klimaziele zu erreichen und den Klimawandel zu begrenzen.

Die jüngst vorgelegte Umweltbilanz des Grünen Punkts belegt, wie sehr die Umwelt von der getrennten Erfassung und Verwertung von gebrauchten Verkaufsverpackungen profitiert. So hat die Grüner-Punkt-Gruppe 2018 gut 1,6 Millionen Tonnen Verpackungsabfälle in die Verwertung und das Recycling gebracht – das entspricht dem Gewicht von 113 der größten Braunkohlebagger im Tagebau Garzweiler bei Köln. „Für den Ausstieg aus der Braunkohleverstromung gibt es inzwischen einen Plan – genauso wichtig wäre es, bei der Nutzung von Kunststoff im Kreislauf voranzukommen“, fordert Wiener.

DSD  hat nach Eigenangaben durch Verwertung und Recycling von Verpackungsabfällen 2018 etwa 950.000 Tonnen CO2-Äquivalente eingespart. „Das ist so viel CO2, wie etwa 95.000 Hektar Wald jährlich aus der Luft filtern“, hat Michael Wiener, CEO des Grünen Punkts, errechnet. Angesichts des aktuellen Waldsterbens erhalte dieser Vergleich noch mehr Brisanz.

Der heiße Sommer, Trockenheit und sterbende Wälder in Deutschland und Europa zeigten einmal mehr, „dass der menschengemachte Klimawandel eine der wichtigsten Herausforderungen der Gegenwart ist“, so der CEO weiter. „Das sehen längst nicht mehr nur Wissenschaftler so, sondern auch große Teile der Bevölkerung. Wenig diskutiert wird in diesem Zusammenhang, welch großen Beitrag die Kreislaufwirtschaft zur Einsparung von klimaschädlichen Treibhausgasen aktuell schon leistet und welche Potenziale hier noch zu verwirklichen wären“.

Im neuen Nachhaltigkeitsberichts 2017/2018, informiert DSD über zahlreiche Leuchtturmprojekte, die dem Klimaschutz diesen. Dazu gehören auch die ersten Verpackungen für Kosmetikprodukte, bei denen aus dem Gelben Sack gewonnene Kunststoffe zum Einsatz kommen und für die der Grüne Punkt den Deutschen Verpackungspreis 2019 erhalten hat. Sie zeigen laut Pressesprecher Norbert Völl, „was insbesondere im Kunststoffrecycling möglich ist und welche Verpackungen schon den Weg ‚vom Regal ins Regal‘ geschafft haben, also im Wirtschaftskreislauf bleiben und dabei große Mengen CO2 einsparen“.

Der Grüne Punkt helfe seit vielen Jahren dabei, die Recyclingfreundlichkeit von (Kunststoff)-Verpackungen richtig einzuschätzen und derzeit noch wenig recyclingfreundliche Verpackungen umzugestalten. Denn viele Verbraucher wünschten sich mehr nachhaltige Verpackungen, teilt DSD mit.

NV/rd

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