„Allein die ordnungspolitischen Leitplanken fehlen“

„Allein die ordnungspolitischen Leitplanken fehlen“

150 150 Klaus Henning Glitza

DGAW-Live-Expertenrunde zum Thema „Verwertung von teerhaltigem Straßenaufbruch“ in Hannover

 

„Technologien zur Beseitigung der Schadstoffe sind vorhanden, Investoren stehen bereit diese Abfälle zu recyceln, allein die ordnungspolitischen Leitplanken fehlen“. Das ist das kurzgefasste Fazit  einer zurückliegenden hochkarätigen Hybrid-Veranstaltung der Deutschen Gesellschaft für Abfallwirtschaft (DGAW) zum Thema “Verwertung von teerhaltigem Straßenaufbruch”, die  in Hannover stattfand.

Das Thema klingt nur vordergründig dröge, ist aber in Wahrheit hochbrisant. Obwohl teerhaltiger Straßenaufbruch krebserregende polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) enthält, landet er noch immer als „Verwertung“ und Beseitigung auf Deponien. In der höchst kontrovers geführten Diskussion über eine bundeseinheitliche Regelung für mineralische Abfälle im „Dauerbrenner“ Mantelverordnung spielt dieser Massenstrom dennoch keine Rolle. Umso wichtiger war es,  dass in der DGAW-Hybrid-Veranstaltung inhaltlich und in der technischen Umsetzung Maßstäbe gesetzt wurden.

Wie im ARD-Hauptstadt-Studio mutete die Kulisse und der Regieraum der DGAW Live-Expertenrunde in Hannover an: Statt Karen Miosga und Ingo Zamperoni betraten DGAW-Geschäftsführerin Isabelle Henkel und DGAW-Vorstandsmitglied Dr. Gerd-Dieter Uhlenbrauck als Moderatoren die Bühne.

Ein Corona-bedingter kleiner Kreis an Teilnehmern war live ins „Studio“ gereist; der Großteil der Referenten war ebenfalls anwesend. Weitere 70 Teilnehmer waren per Livestream zugeschaltet und konnten die Veranstaltung im TV-Format verfolgen: Anders als im Fernsehen, konnte man aber interaktiv mitwirken, Fragen im Chat stellen oder sich ins Studio zuschalten lassen. Die DGAW sieht in diesem neuen Format die Zukunft der Fachveranstaltungen, jedenfalls für die nächsten Jahre und will diese spannende Mischung aus Präsenz und Virtualität fortführen.

Das Grußwort sprach Joachim Reinkens, Referatsleiter Kreislauf- und Abfallwirtschaft im Niedersächsischen Ministerium für Umwelt, Energie, Bauen und Klimaschutz und stellte gleich zu Beginn klar, dass die Fortführung der Deponierung von teerhaltigem Straßenaufbruch keine Option sei, sondern vielmehr Alternativen gefunden werden müssen. Er bedauerte, dass der Vorstoß Niedersachsens im Umwelt- und Wirtschaftsausschuss dies auch in der Mantelverordnung zu verankern, noch keine Mehrheit bei den Ländern gefunden hat. Knappen Deponieraum mit grundsätzlich verwertbaren Massenabfall zu belasten halte das Land Niedersachsen nicht für nachhaltig.

Ministerialrat a. D. Dr. Heinz-Ulrich Bertram, der sich bis vor einem Jahr im Niedersächsischen Ministerium für Umwelt, Energie, Bauen und Klimaschutz intensiv mit dem Thema befasst hatte, untermauerte die Notwendigkeit einer nachhaltigen Verwertung des Materials durch substanzielle Erfahrungen aus seiner langjährigen Tätigkeit. Er forderte klar ein Deponierungsverbot und verwies auf das positive Beispiel in den Niederlanden und den guten Erfahrungen bei der TA Siedlungsabfall und der Klärschlammverordnung. In einer qualitativen Betrachtung der Verwertung- und Beseitigungsoptionen schneidet die thermische Vorbehandlung mit anschließendem Recycling eindeutig am besten ab. Er appellierte den salbungsvollen Worten zur Unterstützung der Kreislaufwirtschaft endlich Taten folgen zu lassen. Er sieht auch langfristig den Bedarf von bis zu 40 Anlagen in Deutschland.

Dr. Anno Oexle, Vorstandsmitglied der DGAW und Partner in der Kanzlei Köhler & Klett zeigte die derzeitige rechtliche Lage sowie den Stand der Beratungen um die Mantelverordnung auf. Nach seinen Ausführungen ist die derzeit noch praktizierte Beseitigung auf Deponien nicht durch das Kreislaufwirtschaftsgesetz gedeckt. Allerdings sieht er die sonstige Verwertung auf Deponien als Ersatzbaustoff und eine thermische Verwertung als gleichwertig. Ob Verfahren. wie das in den Niederlanden praktizierte, eher dem Recycling als der sonstigen Verwertung zuzuordnen sei, wäre zu prüfen. Er plädierte dafür mutiger gegen Ausschreibungsbedingungen vorzugehen, die dem Geist und den Inhalt des Kreislaufwirtschaftsgesetzes widersprechen.

Professor Dr. Quicker von der RWTH Aachen stellte die Forschungsergebnisse zur thermischen Behandlung von Straßenaufbruchmaterial vor und kam zu den Schluss, dass die behandelten Produkte für den Einsatz als Sekundärrohstoff bestens geeignet sind und die Grenzwerte für PAK sicher bereits bei Temperaturen zwischen 600 und 650 Grad Celsius unterschritten werden. Bei diesen Temperaturen bleibt die Festigkeit des Materials erhalten, was das Recycling erst möglich macht. Höhere Temperaturen reduzieren den PAK Gehalt kaum noch, zerstören aber die Steinmatrix.

Remco Plass, Sales Manager bei der REKO B. V. aus den Niederlanden, die zwei thermische Reinigungsanlagen für teerhaltigen Straßenaufbruch betreiben, stellte den Verfahrensprozess sowie die Vorteile der Reinigung dar. Insgesamt können in beiden Anlagen rund 1,8 Millionen Tonnen an Straßenaufbruch, aber auch andere mineralische Abfälle pro Jahr verwertet werden. Bereits heute werden bis zu 500.000 Tonnen Material aus Deutschland angenommen. Auch mit der beindruckend großen zweiten Anlage, die über eine Million Tonnen Material annehmen kann, ist REKO aber nicht in der Lage, den bundedeutschen teerhaltigen Straßen Aufbruch aufzunehmen. Da es in den Niederlanden eindeutige Leitplanken gibt (Deponierungsverbot) und einen stabilen Markt für Sekundärbaustoffe konnte REKO die dreistellige Millioneninvestition schultern.

Quintessenz der Veranstaltung:  „Wir brauchen kurz-, mittel- und langfristig Verwertungsmöglichkeiten für den Massenstrom teerhaltiger Straßenaufbruch: Ein „weiter so“ ist keine Option. Thermische Entgiftungsverfahren mit anschließendem Recycling der Baustoffe stellen eine Alternative dar. Allerdings scheitert es in Deutschland zum einen an einem verlässlichen ordnungspolitischen Rahmen zur Unterstützung der Kreislaufwirtschaft, an der mangelnden Umsetzung des verpflichtenden Einsatzes von Sekundärbaustoffen zumindest bei öffentlichen Auftraggebern und es ist sicher nicht einfach für diese Anlagen Standorte zu finden.  Die Niederlande sind da weit pragmatischer!“, so die Zusammenfassung von Isabell Henkel.

IH/rd

Hinterlasse eine Antwort